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Asperger-Syndrom : Ein Autist in der Arbeitswelt

Allein unter Kollegen: Asperger-Autisten verstehen oft die Zwischentöne der Teamkommunikation nicht. Bild: dpa

Menschen mit Asperger-Autismus haben häufig besondere Talente. Trotzdem sind mehr als vierzig Prozent von ihnen arbeitslos, weil sie ständig anecken. Doch langsam passen sich erste Unternehmen an. Auch ein Betroffener wagt sich vor – mit einem Buch zum Thema.

          Als sein Kollege einen Programmierfehler machte, schrieb Peter Schmidt das in eine Mail und schickte sie an ihn, die anderen im Team, den Kunden und den Chef. Denn er ist ehrlich und direkt. „Damit haben Sie dem Team einen Bärendienst erwiesen“, sagte der Chef zu ihm, und Schmidt freute sich. Denn er nimmt die Dinge wortwörtlich. Und Bärendienst klingt nach einem großen Dienst. Jahrelang wunderte er sich, warum er die Welt so anders wahrnahm als andere, warum er bei seinen Bemühungen, Karriere zu machen, immer an zwischenmenschlichen Konflikten scheiterte, die er nicht verstand oder nicht mal als solche wahrnahm. Warum es ihm unmöglich war, in einem Großraumbüro zu arbeiten oder Smalltalk zu machen. Und warum die Kollegen nicht erkennen konnten, wenn bestimmte Abläufe nicht effizient waren. Im Jahr 2007, 41 Jahre alt, bekam er eine Antwort auf all diese Fragen in Form einer Diagnose: Peter Schmidt ist Autist. Seither steht in seiner Personalakte „schwerbehindert“.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Peter Schmidt, dunkles Hemd, Jeans, Brille mit schmalem goldenen Rand, sitzt an einem Stand der Frankfurter Buchmesse. Hier stellt er sein Buch über seine Erfahrungen im Arbeitsleben vor. Es heißt „Kein Anschluss unter diesem Kollegen“. Peter Schmidts Weg in den Beruf war schwer: Schon in der Schule waren die Pausen für ihn anstrengender als der Unterricht. Aber er hatte immer gute Noten. An der Uni mied er die Mensa und die überfüllte Bibliothek, hasste es, im Vorlesungssaal immer auf verschiedenen Plätzen sitzen zu müssen. Trotzdem promovierte er erfolgreich in der Geophysik über Vulkane. Die Probleme gingen erst beim Berufseinstieg so richtig los. Auf unzählige Bewerbungen erhielt er keine Antwort oder wurde nach dem Vorstellungsgespräch nicht genommen. Doch als er dann die erste Anstellung hatte, fand er auch weitere, weil er durch seine fachliche Kompetenz überzeugen konnte. Die Firma, bei der er heute arbeitet, hat ihn sogar abgeworben. Denn Schmidt weiß nicht nur alles über Vulkane, er kann auch komplexe Software programmieren.

          Starkes Spezialinteresse

          Viele Asperger-Autisten haben ein solches Spezialinteresse, in dem sie überdurchschnittlich talentiert sind. Trotzdem sind mehr als vierzig Prozent von ihnen arbeitslos. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass sogar sechzig bis achtzig Prozent dieser Menschen arbeitslos sind oder in einem Job arbeiten, der sie intellektuell unterfordert, etwa in einer Behindertenwerkstatt. Von den Autisten mit eingeschränkter Intelligenz sind sogar 95 Prozent arbeitslos. Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Behinderung ist laut einer Studie der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute vom Herbst 2013 bei Autisten höher als etwa bei Lernbehinderten oder Menschen mit Sprachstörungen. Vor allem der Berufseinstieg fällt ihnen schwer: Nur gut die Hälfte (53,4 Prozent) der Menschen mit Autismus zwischen 21 und 25 Jahren hatten einen bezahlten Job, seit sie die Schule verlassen haben – der niedrigste Wert unter allen untersuchten Gruppen. Dabei wollen Autisten durchaus arbeiten. Finden sie keine Stelle, führt das zu weiterer sozialer Isolation und oftmals zu Depressionen, an denen vierzig Prozent aller Autisten leiden.

          Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben Autisten oftmals kaum eine Chance: Brüche im Lebenslauf, etwa wegen Behandlungen, lassen sie teils schon vor den Bewerbungsgesprächen ausscheiden. Kommt es zu einem Gespräch, verhalten sie sich ungewöhnlich, schauen ihr Gegenüber nicht an, antworten auf Fragen kurz angebunden oder aber in einem ausufernden monotonen Redestrom. So war es auch bei Peter Schmidt.

          Gezielte Einstellung

          Jetzt aber findet ein Umdenken in einigen Unternehmen statt. Der Software-Riese SAP stellt gezielt Autisten ein, ebenso Vodafone, Telekom und die bayerische Landesbank. In Zukunft soll die Belegschaft des Softwarekonzerns mit Sitz im badischen Walldorf zu einem Prozent aus autistischen Mitarbeitern bestehen – das entspricht dem geschätzten Anteil von Autisten in der Bevölkerung. Der Konzern rekrutiert seine autistischen Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen dänischen Unternehmen Specialisterne.

          Buchautor Peter Schmidt

          „Im Ausland wird nach Talenten gesucht, dabei haben wir hier ausgebildete Menschen mit deutschem Abitur, Diplom, teils sogar Doktor, die wir in die Arbeitslosigkeit schicken“, klagt Matthias Prössl, selbst Vater eines autistischen Sohnes. Prössl leitet den seit 2013 bestehenden deutschen Zweig von Specialisterne. Neben Autisten vermittelt das Unternehmen auch Menschen mit verwandten Diagnosen wie Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder Tourette-Syndrom.

          Bessere Stimmung im Team

          Markus Winkler von SAP ist zufrieden mit dem Projekt. Die Integration der Autisten wirke sich positiv auf Stimmung und Produktivität im Team aus. „Dadurch, dass diese Menschen keinen Zynismus und keine Andeutungen verstehen, muss die Kommunikation klarer werden“, sagt er, „und das ist positiv für alle.“ SAP gehe es dabei um zwei Dinge: Einerseits das Diversity-Programm umzusetzen, das sich der Konzern auf die Fahne geschrieben habe und in dessen Rahmen er auch Menschen mit anderen Behinderungen einstellt. Und andererseits um die Fähigkeiten der Autisten, die in Softwareunternehmen sehr von Vorteil sind: logische und analytische Fähigkeiten, Muster und Fehler in Datensätzen und Systemen zu erkennen. „Das ist einmalig“, sagt Winkler, „ein normaler Entwickler sieht das teils gar nicht in dem Detailgrad, in dem das die Kollegen mit Asperger können.“

          Stefanie Nennstiel von SAP begleitet die Autisten in ihren ersten Arbeitswochen. Einige Dinge werden schon vorab geklärt, etwa, ob die neuen Mitarbeiter besonders lärm- oder lichtempfindlich sind. Danach wird dann ihr Büro ausgewählt und eingerichtet, etwa mit Trennwänden. Andere Dinge kommen in der Anfangszeit auf und werden dann gemeinsam besprochen. Wenn ein Termin kurzfristig abgesagt wird, kann das bei einem Autisten zum Beispiel eine Krise auslösen. Er reagiert dann laut und verärgert, was bei der Gegenseite zu Erstaunen führt. „Das sind leicht lösbare Situationen“, sagt Nennstiel, „die ich so eher aus der Zeit kenne, als meine Kinder noch kleiner waren.“

          „Schock und Erleichterung“

          Peter Schmidt hat Karriere gemacht, bevor es diese Programme gab. Von Asperger-Autismus hatte er vor seiner Diagnose nicht einmal gehört. Bis er einen Film sah, in dem ein achtzehnjähriger Autist die Hauptrolle spielte. Er dachte, den müsse ein Bekannter von ihm gedreht und ihm nachempfunden haben, so sehr sah er sich selbst in der Filmfigur. „Das war ein Erdbeben der Stärke zehn.“ Am nächsten Morgen suchte er im Internet nach Informationen zu Autismus. „Ich hab drei Stunden nur geheult“, sagt Schmidt heute. „Das war Schock und Erleichterung in einem, mein ganzes Leben nachträglich zu verstehen.“ Der erste Arzt, zu dem er daraufhin ging, erklärte Schmidt, er könne nicht Autismus haben, so erfolgreich, wie er sei. Doch Schmidt ließ sich nicht beirren und ging zu einem zweiten. Der unterhielt sich lang mit ihm. Schmidt zeigte ihm ein Selbstporträt aus seiner Kindheit: Mit Astronauten-Helm auf dem Saturn. Der Arzt diagnostizierte bei ihm Asperger-Autismus, wie er im Lehrbuch steht, auch wenn der nicht auf den ersten Blick ersichtlich sei.

          Seit Mai 2013 gibt es die Diagnose, die Schmidt gestellt wurde – Asperger-Autismus – so nicht mehr. Zumindest in Amerika. In der neuesten Version des dortigen Diagnose-Handbuches für psychische Erkrankungen, dem DSM-5, wird von Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen, die als Kontinuum begriffen werden. Die nächste Version des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen, in Europa verwendeten Handbuchs, das ICD-11, wird diesen Wandel wohl auch vollziehen. Grund dafür ist, dass die Grenzen zwischen den drei verschiedenen Autismus-Formen in der Realität nicht so klar verlaufen wie laut bisheriger Definition. Der frühkindliche Autismus, der vor dem dritten Lebensjahr auffällig wird, weil sie verzögert oder gar nicht sprechen, geht oft mit Intelligenzminderung einher, der Asperger-Autismus, der vor dem zehnten Lebensjahr auffällig wird, aber eher mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz. Der atypische Autismus ist eine Art Restkategorie. Hier hinein fallen Menschen, die ebenfalls vor dem zehnten Lebensjahr auffällig werden, aber nicht alle Autismus-Kriterien erfüllen. Problematisch hieran sei, dass auch Menschen mit frühkindlichem Autismus sehr intelligent sein können, erklärt der Psychiater Ludger Tebartz van Elst von der Universität Freiburg. Die klaren Einteilungen aufzuheben, hält er deshalb für sinnvoll.

          Penibel geordnetes Obst

          Auch nach der jüngsten Definition der Autismus-Spektrum-Störung müssen Betroffene Defizite in der nonverbalen Kommunikation und bestimmte rituelle, stereotype Verhaltensweisen aufweisen. Peter Schmidt zum Beispiel ordnet sein Obst im Büro penibel an und wird wütend, wenn jemand diese Ordnung zerstört. Er kann Gestik und Mimik nicht lesen, Ironie nicht verstehen. „Wenn da keine Tränen aus dem Auge fließen, erkenne ich auch nicht, ob jemand traurig ist“, sagt er. Auch Wut spürt er nicht – sonst hätte er die Bedeutung von „Bärendienst“ nach jenem Gespräch mit seinem Chef vielleicht nachgeschlagen.

          Für Tebartz van Elst ist Schmidts Fall ungewöhnlich. Autisten hätten es nach wie vor viel zu schwer auf dem Arbeitsmarkt, in Deutschland würden sie weniger gefördert als in anderen Ländern. In einem im Jahr 2013 gemeinsam mit Kollegen veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift „European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience“ fordert der Professor die Politik deshalb dazu auf, spezielle Beschäftigungsprogramme für Menschen mit hochfunktionalem oder Asperger-Autismus einzuführen. Diese Programme sollten Coaching am Arbeitsplatz und Unterweisung nicht-autistischer Kollegen umfassen.

          Mit Job-Coach an der Seite

          Bisher gibt es solche Initiativen nur von gemeinnützigen Vereinen oder Unternehmen. Die Firma Auticon etwa stellt allen ihren autistischen Mitarbeitern einen Job-Coach zur Seite. Im Gegensatz zu Specialisterne engagiert Auticon die Autisten selbst und entsendet sie als Consultants an IT-Firmen. 2011 in Berlin gegründet, hat Auticon inzwischen sechs Standorte und sechzig Mitarbeiter, vierzig davon sind Autisten. „Wir sind kein gemeinnütziges Unternehmen“, sagt der Chef Dirk Müller-Remus, „weil wir nicht in der Schublade Behindertenwerkstatt landen wollten.“ Auticon rechnet die gleichen Stundenumsätze ab wie andere IT-Consultant-Unternehmen. „Ich wollte zeigen, dass man mit Autisten im Wettbewerb bestehen kann.“ Bisher deckt das Unternehmen seine Kosten und hofft, gegen Ende des Jahres die ersten Gewinne zu machen.

          Peter Schmidt begrüßt diese Programme zwar grundsätzlich, ist aber auch skeptisch. Er befürchtet, dass Autismus zur Mode-Diagnose verkommt und die Menschen, die über Auticon und Specialisterne Arbeit finden, eher klassische Nerds oder leichte Autisten sind und nicht Menschen wie er. Auch mit der Spektrum-Definition ist er nicht glücklich. „Dann sind ja alle Menschen mehr oder weniger autistisch“, sagt er.

          Mehr Akzeptanz in der Bevölkerung

          Ein Modethema sei Autismus tatsächlich, sagt Tebartz van Elst: Serien-Stars wie Sheldon aus „The Big Bang Theory“ prägen 26 Jahre nach dem Kinofilm „Rain Man“ mit Dustin Hoffman das Bild des hochintelligenten, Routine-versessenen und irgendwie liebenswerten Autisten. Solche Figuren hätten die Akzeptanz für Autismus in der Bevölkerung gesteigert, vor allem im Vergleich zu anderen, eher stigmatisierenden Diagnosen wie Schizophrenie. Für eine Mode-Diagnose hält der Freiburger Professor Autismus dennoch nicht. Und dass die Definition als Spektrum-Störung zu einer ansteigenden Zahl von Diagnosen führt, glaubt er auch nicht. Eher sei das Gegenteil der Fall.

          Peter Schmidt musste sich als erster bekennender Autist in einem Großunternehmen selbst durchbeißen, ohne Job-Coach. Schon vor der Diagnose wusste er, dass es ihm an bestimmten Fähigkeiten mangelte: Er forderte bei seinem Chef Schulungen in Soft-Skills ein. Bei einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Psychiatriewoche im Gesundheitsamt erzählt er von einer solchen Schulung. Er liest im Stehen aus seinem Buch vor, wippt dabei im immer gleichen Takt von einem Bein aufs andere, spricht zwischendurch frei. In einem Rollenspiel sollte er seinem Gegenüber ein Auto verkaufen und sich dabei klarmachen, dass er eigentlich kein Auto, sondern eine Emotion verkaufe wie Stolz oder Glück. „Das müssen Sie mal einem Autisten erklären!“, sagt er und die Zuhörer lachen. Sprüche des Kommunikationstrainers wie „Das spüren Sie, das ist die Kommunikation auf der Gefühls- statt der Sachebene“ seien für ihn, als würde man einem Blinden sagen „Jetzt schauen Sie doch mal genau hin“.

          Flexibilität, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz, Stressresistenz: All diese Schlagwörter, die in den Titeln solcher Seminare und in jeder beliebigen Stellenbeschreibung auftauchen, zeigen, dass Autisten die Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts nicht erfüllen. Das Beispiel von Peter Schmidt beweist, dass sie dennoch viel leisten können. Sie brauchen dafür allerdings die richtigen Rahmenbedingungen.

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