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Asperger-Syndrom : Ein Autist in der Arbeitswelt

Für Tebartz van Elst ist Schmidts Fall ungewöhnlich. Autisten hätten es nach wie vor viel zu schwer auf dem Arbeitsmarkt, in Deutschland würden sie weniger gefördert als in anderen Ländern. In einem im Jahr 2013 gemeinsam mit Kollegen veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift „European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience“ fordert der Professor die Politik deshalb dazu auf, spezielle Beschäftigungsprogramme für Menschen mit hochfunktionalem oder Asperger-Autismus einzuführen. Diese Programme sollten Coaching am Arbeitsplatz und Unterweisung nicht-autistischer Kollegen umfassen.

Mit Job-Coach an der Seite

Bisher gibt es solche Initiativen nur von gemeinnützigen Vereinen oder Unternehmen. Die Firma Auticon etwa stellt allen ihren autistischen Mitarbeitern einen Job-Coach zur Seite. Im Gegensatz zu Specialisterne engagiert Auticon die Autisten selbst und entsendet sie als Consultants an IT-Firmen. 2011 in Berlin gegründet, hat Auticon inzwischen sechs Standorte und sechzig Mitarbeiter, vierzig davon sind Autisten. „Wir sind kein gemeinnütziges Unternehmen“, sagt der Chef Dirk Müller-Remus, „weil wir nicht in der Schublade Behindertenwerkstatt landen wollten.“ Auticon rechnet die gleichen Stundenumsätze ab wie andere IT-Consultant-Unternehmen. „Ich wollte zeigen, dass man mit Autisten im Wettbewerb bestehen kann.“ Bisher deckt das Unternehmen seine Kosten und hofft, gegen Ende des Jahres die ersten Gewinne zu machen.

Peter Schmidt begrüßt diese Programme zwar grundsätzlich, ist aber auch skeptisch. Er befürchtet, dass Autismus zur Mode-Diagnose verkommt und die Menschen, die über Auticon und Specialisterne Arbeit finden, eher klassische Nerds oder leichte Autisten sind und nicht Menschen wie er. Auch mit der Spektrum-Definition ist er nicht glücklich. „Dann sind ja alle Menschen mehr oder weniger autistisch“, sagt er.

Mehr Akzeptanz in der Bevölkerung

Ein Modethema sei Autismus tatsächlich, sagt Tebartz van Elst: Serien-Stars wie Sheldon aus „The Big Bang Theory“ prägen 26 Jahre nach dem Kinofilm „Rain Man“ mit Dustin Hoffman das Bild des hochintelligenten, Routine-versessenen und irgendwie liebenswerten Autisten. Solche Figuren hätten die Akzeptanz für Autismus in der Bevölkerung gesteigert, vor allem im Vergleich zu anderen, eher stigmatisierenden Diagnosen wie Schizophrenie. Für eine Mode-Diagnose hält der Freiburger Professor Autismus dennoch nicht. Und dass die Definition als Spektrum-Störung zu einer ansteigenden Zahl von Diagnosen führt, glaubt er auch nicht. Eher sei das Gegenteil der Fall.

Peter Schmidt musste sich als erster bekennender Autist in einem Großunternehmen selbst durchbeißen, ohne Job-Coach. Schon vor der Diagnose wusste er, dass es ihm an bestimmten Fähigkeiten mangelte: Er forderte bei seinem Chef Schulungen in Soft-Skills ein. Bei einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Psychiatriewoche im Gesundheitsamt erzählt er von einer solchen Schulung. Er liest im Stehen aus seinem Buch vor, wippt dabei im immer gleichen Takt von einem Bein aufs andere, spricht zwischendurch frei. In einem Rollenspiel sollte er seinem Gegenüber ein Auto verkaufen und sich dabei klarmachen, dass er eigentlich kein Auto, sondern eine Emotion verkaufe wie Stolz oder Glück. „Das müssen Sie mal einem Autisten erklären!“, sagt er und die Zuhörer lachen. Sprüche des Kommunikationstrainers wie „Das spüren Sie, das ist die Kommunikation auf der Gefühls- statt der Sachebene“ seien für ihn, als würde man einem Blinden sagen „Jetzt schauen Sie doch mal genau hin“.

Flexibilität, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz, Stressresistenz: All diese Schlagwörter, die in den Titeln solcher Seminare und in jeder beliebigen Stellenbeschreibung auftauchen, zeigen, dass Autisten die Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts nicht erfüllen. Das Beispiel von Peter Schmidt beweist, dass sie dennoch viel leisten können. Sie brauchen dafür allerdings die richtigen Rahmenbedingungen.

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