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Asperger-Syndrom : Ein Autist in der Arbeitswelt

„Schock und Erleichterung“

Peter Schmidt hat Karriere gemacht, bevor es diese Programme gab. Von Asperger-Autismus hatte er vor seiner Diagnose nicht einmal gehört. Bis er einen Film sah, in dem ein achtzehnjähriger Autist die Hauptrolle spielte. Er dachte, den müsse ein Bekannter von ihm gedreht und ihm nachempfunden haben, so sehr sah er sich selbst in der Filmfigur. „Das war ein Erdbeben der Stärke zehn.“ Am nächsten Morgen suchte er im Internet nach Informationen zu Autismus. „Ich hab drei Stunden nur geheult“, sagt Schmidt heute. „Das war Schock und Erleichterung in einem, mein ganzes Leben nachträglich zu verstehen.“ Der erste Arzt, zu dem er daraufhin ging, erklärte Schmidt, er könne nicht Autismus haben, so erfolgreich, wie er sei. Doch Schmidt ließ sich nicht beirren und ging zu einem zweiten. Der unterhielt sich lang mit ihm. Schmidt zeigte ihm ein Selbstporträt aus seiner Kindheit: Mit Astronauten-Helm auf dem Saturn. Der Arzt diagnostizierte bei ihm Asperger-Autismus, wie er im Lehrbuch steht, auch wenn der nicht auf den ersten Blick ersichtlich sei.

Seit Mai 2013 gibt es die Diagnose, die Schmidt gestellt wurde – Asperger-Autismus – so nicht mehr. Zumindest in Amerika. In der neuesten Version des dortigen Diagnose-Handbuches für psychische Erkrankungen, dem DSM-5, wird von Autismus-Spektrum-Störungen gesprochen, die als Kontinuum begriffen werden. Die nächste Version des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen, in Europa verwendeten Handbuchs, das ICD-11, wird diesen Wandel wohl auch vollziehen. Grund dafür ist, dass die Grenzen zwischen den drei verschiedenen Autismus-Formen in der Realität nicht so klar verlaufen wie laut bisheriger Definition. Der frühkindliche Autismus, der vor dem dritten Lebensjahr auffällig wird, weil sie verzögert oder gar nicht sprechen, geht oft mit Intelligenzminderung einher, der Asperger-Autismus, der vor dem zehnten Lebensjahr auffällig wird, aber eher mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz. Der atypische Autismus ist eine Art Restkategorie. Hier hinein fallen Menschen, die ebenfalls vor dem zehnten Lebensjahr auffällig werden, aber nicht alle Autismus-Kriterien erfüllen. Problematisch hieran sei, dass auch Menschen mit frühkindlichem Autismus sehr intelligent sein können, erklärt der Psychiater Ludger Tebartz van Elst von der Universität Freiburg. Die klaren Einteilungen aufzuheben, hält er deshalb für sinnvoll.

Penibel geordnetes Obst

Auch nach der jüngsten Definition der Autismus-Spektrum-Störung müssen Betroffene Defizite in der nonverbalen Kommunikation und bestimmte rituelle, stereotype Verhaltensweisen aufweisen. Peter Schmidt zum Beispiel ordnet sein Obst im Büro penibel an und wird wütend, wenn jemand diese Ordnung zerstört. Er kann Gestik und Mimik nicht lesen, Ironie nicht verstehen. „Wenn da keine Tränen aus dem Auge fließen, erkenne ich auch nicht, ob jemand traurig ist“, sagt er. Auch Wut spürt er nicht – sonst hätte er die Bedeutung von „Bärendienst“ nach jenem Gespräch mit seinem Chef vielleicht nachgeschlagen.

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