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Asperger-Syndrom : Ein Autist in der Arbeitswelt

Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben Autisten oftmals kaum eine Chance: Brüche im Lebenslauf, etwa wegen Behandlungen, lassen sie teils schon vor den Bewerbungsgesprächen ausscheiden. Kommt es zu einem Gespräch, verhalten sie sich ungewöhnlich, schauen ihr Gegenüber nicht an, antworten auf Fragen kurz angebunden oder aber in einem ausufernden monotonen Redestrom. So war es auch bei Peter Schmidt.

Gezielte Einstellung

Jetzt aber findet ein Umdenken in einigen Unternehmen statt. Der Software-Riese SAP stellt gezielt Autisten ein, ebenso Vodafone, Telekom und die bayerische Landesbank. In Zukunft soll die Belegschaft des Softwarekonzerns mit Sitz im badischen Walldorf zu einem Prozent aus autistischen Mitarbeitern bestehen – das entspricht dem geschätzten Anteil von Autisten in der Bevölkerung. Der Konzern rekrutiert seine autistischen Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen dänischen Unternehmen Specialisterne.

Buchautor Peter Schmidt

„Im Ausland wird nach Talenten gesucht, dabei haben wir hier ausgebildete Menschen mit deutschem Abitur, Diplom, teils sogar Doktor, die wir in die Arbeitslosigkeit schicken“, klagt Matthias Prössl, selbst Vater eines autistischen Sohnes. Prössl leitet den seit 2013 bestehenden deutschen Zweig von Specialisterne. Neben Autisten vermittelt das Unternehmen auch Menschen mit verwandten Diagnosen wie Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder Tourette-Syndrom.

Bessere Stimmung im Team

Markus Winkler von SAP ist zufrieden mit dem Projekt. Die Integration der Autisten wirke sich positiv auf Stimmung und Produktivität im Team aus. „Dadurch, dass diese Menschen keinen Zynismus und keine Andeutungen verstehen, muss die Kommunikation klarer werden“, sagt er, „und das ist positiv für alle.“ SAP gehe es dabei um zwei Dinge: Einerseits das Diversity-Programm umzusetzen, das sich der Konzern auf die Fahne geschrieben habe und in dessen Rahmen er auch Menschen mit anderen Behinderungen einstellt. Und andererseits um die Fähigkeiten der Autisten, die in Softwareunternehmen sehr von Vorteil sind: logische und analytische Fähigkeiten, Muster und Fehler in Datensätzen und Systemen zu erkennen. „Das ist einmalig“, sagt Winkler, „ein normaler Entwickler sieht das teils gar nicht in dem Detailgrad, in dem das die Kollegen mit Asperger können.“

Stefanie Nennstiel von SAP begleitet die Autisten in ihren ersten Arbeitswochen. Einige Dinge werden schon vorab geklärt, etwa, ob die neuen Mitarbeiter besonders lärm- oder lichtempfindlich sind. Danach wird dann ihr Büro ausgewählt und eingerichtet, etwa mit Trennwänden. Andere Dinge kommen in der Anfangszeit auf und werden dann gemeinsam besprochen. Wenn ein Termin kurzfristig abgesagt wird, kann das bei einem Autisten zum Beispiel eine Krise auslösen. Er reagiert dann laut und verärgert, was bei der Gegenseite zu Erstaunen führt. „Das sind leicht lösbare Situationen“, sagt Nennstiel, „die ich so eher aus der Zeit kenne, als meine Kinder noch kleiner waren.“

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