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Artenschutz contra Coronakrise : Wilderer wittern ihre Chance

  • -Aktualisiert am

Orang-Utan-Waisen im International Animal Rescue Centre in Ketapang auf Borneo. Bild: Polaris/laif

Die Corona-Pandemie legt offen, wie sehr der Artenschutz vom Ökotourismus abhängt und wie gefährlich das ist. Seltene Tiere fallen ungeschützt illegalen Jägern zum Opfer.

          6 Min.

          Vor wenigen Wochen fand im Nordwesten Südafrikas eine ungewöhnliche Jagd statt. Neun Tage lang machten Mitarbeiter der Nationalparkbehörde mit Hilfe von Artenschützern alle Nashörner dreier Schutzgebiete ausfindig, mehrere Dutzend Tiere, sedierten sie und sägten ihnen die Hörner ab. Die drastische und in diesem Umfang einmalige Aktion soll die Tiere vor Wilderern schützen. „Es war eine historische Artenschutzmaßnahme“, sagt Lynne MacTavish, Geschäftsführerin des Mankwe-Wildlife-Reservats. „Das Enthornen ist umstritten, aber es hat sich als die einzige Methode erwiesen, die einen bedeutenden Unterschied macht.“

          In den vergangenen zehn Jahren war vor allem Südafrika Schauplatz einer gnadenlosen und äußerst effizient organisierten illegalen Jagd auf Nashörner: Mehr als achttausend Tiere verloren ihr Leben. Wilderer schneiden ihnen das Horn so tief aus dem Fleisch, dass sie in aller Regel verbluten. Nashornpulver gilt in Vietnam und China als Heilmittel, und ein Kilogramm Horn ist rund 55.000 Euro wert.

          Zuletzt war die Nashornwilderei im südlichen Afrika etwas rückläufig, doch nun sorgen sich Artenschützer, dass sie aufgrund der Pandemiefolgen wiederaufflammen könnte. Kurz nach dem Lockdown in Südafrika Ende März wurden mindestens neun Tiere getötet. Auch im Nachbarland Botswana wurden kurz nach der Grenzschließung mindestens sechs Spitzmaulnashörner gewildert. Mit nur noch rund 5500 Individuen ist die Art vom Aussterben bedroht, weswegen einige Tiere aus dem Okavango-Delta an einen sicheren, geheimen Ort in Botswana gebracht wurden.

          90 Prozent weniger Ökotouristen

          Solche Schutzmaßnahmen sowie Enthornungen oder Dauerbeobachtung durch Rhino-Ranger, die die Tiere auf Schritt und Tritt begleiten, und Anti-Wilderer-Patrouillen, die allen Wildtieren zugutekommen, kosten Geld. Ein Großteil davon stammt aus dem Ökotourismus. Der allerdings wegen der rigorosen internationalen Reisebeschränkungen Ende März auf dem gesamten Kontinent unvermittelt zum Erliegen kam.

          „90 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Ausland. Die letzten drei Monate haben wir mit Spenden überlebt, aber ich bin nicht sicher, wie lange wir uns darauf verlassen können“, sagt MacTavish. Laut dem World Travel and Tourism Council generiert die Reiseindustrie in Afrika Einnahmen von rund 63 Milliarden Euro. In Südafrika, das ausländische Touristen womöglich erst wieder im Februar 2021 einreisen lassen wird, stammten im Jahr 2018 gut 84 Prozent der Mittel für „SanParks“ – die südafrikanische Nationalparkbehörde – aus tourismusbezogenen Quellen wie Parkeintrittsgebühren und Pirschfahrten. „Die überwiegende Mehrheit der Parks und Reservate in Afrika finanziert sich fast ausschließlich durch den Tourismus“, sagt Tim Davenport, der bei der Wildlife Conservation Society die Artenschutzprogramme für Afrika leitet. „Ohne die Einnahmen mussten die Betriebsbudgets gekürzt und Strafverfolgungsmaßnahmen reduziert werden.“

          In den Safarinationen fehlen die Touristen aber nicht nur ihres Geldes wegen: „Die Tiere werden nicht nur von Wildtierhütern geschützt, sondern auch durch die Anwesenheit von Touristen. Fehlen sie, reduziert sich das Risiko für Wilderer“, sagt Davenport. Orte wie das Okavango-Delta oder der Krüger-Nationalpark warten mit den „Big 5“ auf – Löwen, Leoparden, Nashörner, Elefanten und Büffel –, und sie wimmeln normalerweise vor Touristen.

          Ein zusätzliches Problem haben die Schutzgebiete in Zentralafrika, die die letzten Schimpansen- und Gorilla-Populationen beheimaten. Menschenaffen ähneln Menschen genetisch sehr, was die Tiere entsprechend anfällig macht für Infektionen mit menschlichen Krankheitserregern. „Studien haben gezeigt, dass Menschen und Menschenaffen ähnliche ACE2-Rezeptoren haben, an die Sars-CoV2 bindet“, erklärt Gladys Kalema-Zikusoka aus Entebbe in Uganda. Im Jahr 2003 gründete die Tierärztin die gemeinnützige Organisation Conservation Through Public Health (CTPH) mit dem Ziel, die biologische Vielfalt zu erhalten, indem sie die Lebensgrundlage der Menschen in und um den Bwindi Impenetrable National Park verbessert, den Lebensraum von 459 Berggorillas.

          Zwei Spitzmaulnashörner im Nationalpark KwaZulu-Natal Bilderstrecke
          Bedrohte Wildtiere : Corona contra Artenschutz

          Am 5. Juni eröffnete die ugandische Wildtierbehörde zwar die Parks in den Savannen wieder – der Primatentourismus bleibt aber bis auf weiteres ausgesetzt, um die kleinen und damit sehr anfälligen Menschenaffen-Populationen vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Doch dieses Vorgehen birgt ebenfalls Gefahren. Wildhüter besuchen die Berggorillas zwar täglich und patrouillieren in den Schutzgebieten. Dennoch wurde am 1. Juni der Leitgorilla der Nkuringo-Gorillagruppe, Rafiki, tot aufgefunden: Wilderer, die Fallen ausgelegt hatten, um Buschschweine und Ducker zu fangen, erstachen den Silberrücken.

          „Die Gemeinden rund um die Schutzgebiete in Uganda gehören zu den Ärmsten. Seit der Einstellung des Tourismus sind viele Menschen arbeitslos, und Armut und Hunger treiben sie zur Wilderei, wodurch Berggorillas und Schimpansen einem hohen Verletzungs- und Infektionsrisiko ausgesetzt sind“, erläutert Kalema-Zikusoka. Momentan verteile man Pakete mit Nutzpflanzen wie Kartoffeln, Mais, Kohl und Bohnen. Grundsätzlich versucht die Organisation Gemeindemitglieder auch für das eigene Unternehmen „Gorilla Conservation Coffee“ zu gewinnen, um sie unabhängiger vom Tourismus zu machen: „Wir kaufen den Bauern ihren Kaffee zu einem über dem Marktpreis liegenden Preis ab. Und pro Kilo verkauften Kaffees fließen 1,30 Euro wieder in die Naturschutz- und Gesundheitsprojekte von CTPH“, erklärt Kalema-Zikusoka. Die Frage, wie lange die Menschenaffen ohne Einnahmen aus dem Tourismus effektiv geschützt werden können, lässt die Tierärztin offen.

          Harter Lockdown in Ecuador

          Der Zusammenbruch des Ökotourismus trifft nicht nur Afrika. Die Fundación Jocotoco, eine 1998 gegründete Stiftung, kauft Regenwald in Ecuador, um die einzigartige Biodiversität des Landes zu schützen. Ecuador, rund zwanzig Prozent kleiner als Deutschland, gilt aufgrund seiner Topographie – im Westen die Galápagos-Inseln, im Osten die Anden mit dem 6263 Meter hohen Chimborazo – als das artenreichste Land des Planeten. So kommen dort etwa 1600 Vogelarten vor, Deutschland hat, zum Vergleich, rund 300. „Etwa 25 Prozent unserer Einnahmen stammen aus dem Ökotourismus. Da die Saison bis Februar gut lief, haben wir noch Rücklagen, aber für das nächste Jahr sieht es düster aus“, sagt der Biologe und Geschäftsführer Martin Schaefer.

          Ecuador wurde von der Pandemie brutal getroffen, der Lockdown war ungleich härter als in Deutschland. Der Flughafen in Quito hat im Juni zwar wieder geöffnet, wann sich Touristen aber wieder ins Land wagen, ist unklar. „Das Umweltministerium Ecuadors hat kürzlich 580 Mitarbeiter entlassen. Das wird nicht ohne Folgen bleiben für die Überwachung der staatlichen Nationalparks“, so Schaefer, der einen Anstieg von Wilderei und illegaler Abholzung für unvermeidbar hält und intern bereits umstrukturiert hat. Verwaltungsmitarbeiter wurden entlassen, zusätzliche Parkwächter eingestellt, um die 15 Reservate der Organisation zu schützen. Schaefer befürchtet, dass sich die Lage noch verschärfen könnte: „Bei schlechter Wirtschaftslage werden Entwicklungsländer ihre natürlichen Ressourcen noch mehr ausbeuten müssen, um die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen. Ecuador etwa ist reich an Bodenschätzen wie Gold, Silber und Kupfer. Was liegt da näher, als die Minenkonzessionen auszuweiten?“

          Marc Ancrenaz, Tierarzt und Mitgründer der Artenschutzorganisation „Hutan“, berichtet Ähnliches aus Borneo: „Die Wilderei ist auf jeden Fall im Kommen, nicht nur in Malaysia, das ist ein globales Problem.“ Klar unterschieden werden muss zwischen organisierter und Buschfleisch-Wilderei. Erstere hat es etwa auf Elfenbein oder Nashorn abgesehen, sie wurde laut einem aktuellen Bericht der Wildlife Justice Commission durch die Lockdown-Maßnahmen zwar behindert, kam aber niemals wirklich zum Erliegen. Die zunehmende Buschfleisch-Wilderei ist eine Folge der Pandemie: In Ländern ohne Sicherheitsnetz bleibt Mittellosen nur der Wald oder das Meer, um Familie und Kinder zu ernähren.

          Neue Übertragungsmöglichkeiten für Erreger 

          Erholt sich der Tourismus nicht schnell wieder, sieht Ancrenaz weitere Probleme für den Artenschutz, gerade an den Rändern von Schutzgebieten: „Die Koexistenz mit Wildtieren verläuft nicht immer harmonisch. Bleiben die Touristen aus, fehlen die Einnahmen, derentwegen Menschen Wildtiere tolerieren.“ So kommen durch die großflächige Erschließung der Wälder auf Borneo Orang-Utans und Zwergelefanten zunehmend in Kontakt mit Menschen und plündern gerne deren Ernten. Konflikte, die auch aus Afrika wohlbekannt sind.

          Wie sehr die Corona-Krise den Artenschutz treffen wird, ist momentan noch nicht abschätzbar. Die Pandemie zeigt aber überdeutlich, in welchem Ausmaß der Artenschutz vom Tourismus abhängig ist und welche gravierenden Folgen das für Wildtiere und Menschen hat. „Tourismus muss eine Quelle der Unterstützung für den Artenschutz bleiben“, sagt Ancrenaz, „aber nicht die einzige Rechtfertigung für den Erhalt der biologischen Vielfalt.“

          Die besten Argumente für einen finanziell solide verankerten Schutz der Biodiversität bietet die Pandemie selbst: Etliche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Zoonosen und Landnutzungsänderungen durch den Menschen: Je mehr der Mensch in Lebensräume vordringt, desto mehr kommen Arten miteinander in Kontakt, die sich normalerweise niemals begegnet wären. „Alle Tiere, den Menschen eingeschlossen, koexistieren friedlich mit einer ganzen Reihe Viren und anderer Erreger, an die sie sich im Laufe ihrer Evolution angepasst haben“, sagt die Biologin Simone Sommer von der Universität Ulm, die die Mechanismen der Entstehung von Zoonosen in den Tropen untersucht. Eine durch Menschen gestörte Umwelt eröffnet diesen Viren und Erregern neue Übertragungsmöglichkeiten. Experten sind sich einig: Statt Umweltregularien wegen der sich anbahnenden wirtschaftlichen Folgen aufzuweichen, sollte sich die Weltgemeinschaft für den Schutz der verbliebenen intakten Ökosysteme starkmachen – auch zu ihrem eigenen Schutz.

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