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Artenschutz contra Coronakrise : Wilderer wittern ihre Chance

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Ecuador wurde von der Pandemie brutal getroffen, der Lockdown war ungleich härter als in Deutschland. Der Flughafen in Quito hat im Juni zwar wieder geöffnet, wann sich Touristen aber wieder ins Land wagen, ist unklar. „Das Umweltministerium Ecuadors hat kürzlich 580 Mitarbeiter entlassen. Das wird nicht ohne Folgen bleiben für die Überwachung der staatlichen Nationalparks“, so Schaefer, der einen Anstieg von Wilderei und illegaler Abholzung für unvermeidbar hält und intern bereits umstrukturiert hat. Verwaltungsmitarbeiter wurden entlassen, zusätzliche Parkwächter eingestellt, um die 15 Reservate der Organisation zu schützen. Schaefer befürchtet, dass sich die Lage noch verschärfen könnte: „Bei schlechter Wirtschaftslage werden Entwicklungsländer ihre natürlichen Ressourcen noch mehr ausbeuten müssen, um die Folgen der Corona-Krise zu bewältigen. Ecuador etwa ist reich an Bodenschätzen wie Gold, Silber und Kupfer. Was liegt da näher, als die Minenkonzessionen auszuweiten?“

Marc Ancrenaz, Tierarzt und Mitgründer der Artenschutzorganisation „Hutan“, berichtet Ähnliches aus Borneo: „Die Wilderei ist auf jeden Fall im Kommen, nicht nur in Malaysia, das ist ein globales Problem.“ Klar unterschieden werden muss zwischen organisierter und Buschfleisch-Wilderei. Erstere hat es etwa auf Elfenbein oder Nashorn abgesehen, sie wurde laut einem aktuellen Bericht der Wildlife Justice Commission durch die Lockdown-Maßnahmen zwar behindert, kam aber niemals wirklich zum Erliegen. Die zunehmende Buschfleisch-Wilderei ist eine Folge der Pandemie: In Ländern ohne Sicherheitsnetz bleibt Mittellosen nur der Wald oder das Meer, um Familie und Kinder zu ernähren.

Neue Übertragungsmöglichkeiten für Erreger 

Erholt sich der Tourismus nicht schnell wieder, sieht Ancrenaz weitere Probleme für den Artenschutz, gerade an den Rändern von Schutzgebieten: „Die Koexistenz mit Wildtieren verläuft nicht immer harmonisch. Bleiben die Touristen aus, fehlen die Einnahmen, derentwegen Menschen Wildtiere tolerieren.“ So kommen durch die großflächige Erschließung der Wälder auf Borneo Orang-Utans und Zwergelefanten zunehmend in Kontakt mit Menschen und plündern gerne deren Ernten. Konflikte, die auch aus Afrika wohlbekannt sind.

Wie sehr die Corona-Krise den Artenschutz treffen wird, ist momentan noch nicht abschätzbar. Die Pandemie zeigt aber überdeutlich, in welchem Ausmaß der Artenschutz vom Tourismus abhängig ist und welche gravierenden Folgen das für Wildtiere und Menschen hat. „Tourismus muss eine Quelle der Unterstützung für den Artenschutz bleiben“, sagt Ancrenaz, „aber nicht die einzige Rechtfertigung für den Erhalt der biologischen Vielfalt.“

Die besten Argumente für einen finanziell solide verankerten Schutz der Biodiversität bietet die Pandemie selbst: Etliche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Zoonosen und Landnutzungsänderungen durch den Menschen: Je mehr der Mensch in Lebensräume vordringt, desto mehr kommen Arten miteinander in Kontakt, die sich normalerweise niemals begegnet wären. „Alle Tiere, den Menschen eingeschlossen, koexistieren friedlich mit einer ganzen Reihe Viren und anderer Erreger, an die sie sich im Laufe ihrer Evolution angepasst haben“, sagt die Biologin Simone Sommer von der Universität Ulm, die die Mechanismen der Entstehung von Zoonosen in den Tropen untersucht. Eine durch Menschen gestörte Umwelt eröffnet diesen Viren und Erregern neue Übertragungsmöglichkeiten. Experten sind sich einig: Statt Umweltregularien wegen der sich anbahnenden wirtschaftlichen Folgen aufzuweichen, sollte sich die Weltgemeinschaft für den Schutz der verbliebenen intakten Ökosysteme starkmachen – auch zu ihrem eigenen Schutz.

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