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Armutsforschung : Geldsorgen

  • -Aktualisiert am

Mutter und Tochter am Mittagstisch einer Suppenküche Bild: Schoepal, Edgar

Sind Mütter, die in Armut leben, wirklich von Angststörungen betroffen - oder handelt es sich um eine Reaktion auf die Lebensbedingungen? Eine amerikanische Studie sorgt für Debatten.

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          Allein wegen der Debatte um die Neufassung des Diagnose-Schlüssels für psychische Erkrankungen konnte sich Judith Baer, Psychiaterin an der Rutgers University in New Jersey, schon darauf verlassen, dass sie mit ihrer aktuellen Studie für Aufregung sorgen würde. Das neue amerikanische Diagnose-Handbuch DSM-5, das im Mai 2013 veröffentlicht werden soll, ist massiv in der Kritik: Viele Experten, nicht nur in Amerika, akzeptieren die dafür vorgesehenen neuen Störungsbilder nicht und zweifeln auch an der Neudefinition bisheriger Diagnosen. Judith Baer und ihre Kollegen stellen nun im aktuellen „Child and Adolescent Social Work Journal“ (doi: 10.1007/s10560-012- 0263- 3) die These auf, dass Mütter, die in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und bei denen eine Angststörung diagnostiziert wird, diese Diagnose möglicherweise nicht verdienen. Die Angststörung sei nämlich ein Reflex auf die schlechten Lebensverhältnisse. Baer legte den Begriff Armut für ihre Studie streng aus; ihre Probandinnen mussten zunächst Fragen wie diese beantworten: Wurde Ihnen der Strom abgestellt? Sind Sie aus finanziellen Gründen mit anderen Leuten zusammengezogen? Haben Sie Essensgutscheine erhalten? Vorgelegt wurden die Fragen 2300 Teilnehmerinnen einer Langzeitstudie. Es stellte sich heraus, dass die ärmsten Mütter auch mit der größten Wahrscheinlichkeit von Symptomen einer Angststörung betroffen waren, etwa ausgeprägtem Sich-Sorgen, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit.

          Armut stört die kognitive Entwicklung

          Die Studie hat auch Aufsehen erregt, weil ihre Ergebnisse eine zweite Debatte berühren: die über die Benachteiligung von Kindern, die in Armut aufwachsen. Im Juni erst haben etwa Wissenschaftler der University of Sheffield eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass dauerhafte Armut die kognitive Entwicklung von Kindern beeinträchtigt. Achttausend Kinder absolvierten dafür Tests, bei denen es um Erkennung von Mustern und Bildern, Sprach- und Lesefähigkeiten ging. Kinder, die seit dem Säuglingsalter in Armut lebten, zeigten deutlich schlechtere Ergebnisse. Armut hatte dabei einen stärkeren Effekt als die Frage, ob Eltern ihre Kinder regelmäßig förderten. Die Ressourcen hätten eben einen maßgeblichen Einfluss, folgerten die Studienleiter: „Wenn meine Kinder mit dem Notebook spielen können, hat das nur mit meinem Einkommen, nichts mit mir als Vater zu tun; ich bin nicht im Raum“, sagte einer der Autoren der Zeitung „Guardian“.

          Die amerikanische Studienautorin Baer hat sich bisher zurückgehalten, Hinweise zu geben, wie die Politik ihren Ergebnissen begegnen sollte. Sie beschränkt sich darauf zu erklären, es sei nicht angemessen, Frauen, die auf ein Leben in Armut mit Stress reagieren, mit dem Stigma einer psychiatrischen Diagnose zu belegen. Doch einige amerikanische Medien haben es schon formuliert: Nicht Therapieangebote, sondern finanzielle Mittel würden den betroffenen Frauen und Kindern wohl am meisten helfen.

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