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Arachnologie : Das ist einfach super

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Bild: akg-images / Album / Columbia Pi

Was Spider-Man kann, gelingt einer Kreuzspinne schon lange.

          In seinem bürgerlichen Dasein ist Peter Parker ein wissenschaftsbegeisterter Highschool-Nerd. Als Spider-Man rettet er im Auftrag des amerikanischen Comic-Verlags Marvel seit 1962 die Welt und füllt nun wiederdie Kinos mit der Neuverfilmung unter dem Namen „Homecoming“. Nach 55 Jahren immer noch ein Teenager? Das gelingt wohl nur mit Superkräften, von denen Peter Parker glücklicherweise einige auf Lager hat.

          „Die Welt mag sich über den schüchternen Teenager Peter Parker lustig machen – bald wird sie die gewaltigen Kräfte von Spider-Man bestaunen“, prophezeit der blaurote Superheld bereits bei seinem ersten Auftritt in der heute für Unsummen gehandelten Originalausgabe von „Amazing Fantasy“ vom 15. August 1962. Worin diese Kräfte im Einzelnen bestehen, ist gar nicht so leicht zu überblicken, denn in dem halben Jahrhundert seiner Comic-Geschichte trat Spider-Man in vielerlei Varianten auf. Im Zweifel hilft das „Offizielle Handbuch des Marvel-Universums“ weiter.

          Superkleber-Effekt und übermenschliche Kräfte

          Einigkeit herrscht über den Ursprung seiner vermeintlich typisch arachniden Fähigkeiten: Der Giftbiss einer radioaktiv verstrahlten Spinne reprogrammierte Peter Parkers Körperzellen und verlieh ihm übermenschliche Kräfte und Reflexe, einen „Spinnensinn“ für drohende Gefahren und die Fähigkeit, an jeder noch so glatten Oberfläche zu haften. Für diesen Superkleber-Effekt sei die mentale „Kontrolle des Flusses inter-atomarer Anziehung (elektrostatische Kräfte) an molekularen Grenzflächen“ verantwortlich, erklärt das Handbuch und liegt damit gar nicht so sehr daneben. Tatsächlich stecken interatomare Anziehungskräfte hinter der Fähigkeit vieler Spinnen, senkrecht oder über Kopf auf Glasflächen zu laufen. Verbreitet ist sie unter Arten, die ihre Beute nicht in Netzen fangen, sondern sich auf die Pirsch begeben. Ihre Klauen sind mit Polstern aus zahllosen Borsten besetzt, die sich an der Spitze jeweils noch mehrfach zu feinen Härchen verzweigen. Diese sogenannten Scopulae ähneln den Haarpolstern an den Füßen von Geckos und haben die gleiche Funktion: Sie erzeugen eine enorme Oberfläche, die mit dem Untergrund in Kontakt treten kann. Dadurch summieren sich die extrem schwachen interatomischen Anziehungskräfte zwischen Haar und Glas derart auf – man spricht auch von elektrostatischer Anziehung und Van-der-Waals-Wechselwirkungen –, dass sie einem Gecko oder eben einer Spinne Halt geben.

          Bioniker würden dieses Naturwunder gerne für technische Anwendungen nutzen. Doch mit zunehmender Körpergröße wird das Verhältnis von Gewicht und der für einen sicheren Halt notwendigen Klebefläche immer ungünstiger. In einer 2015 in „PNAS“ veröffentlichten Studie kamen Biomechaniker der Universität Cambridge zu dem Schluss, dass der bis zu 35 Zentimeter lange und 300 Gramm schwere Tokeh-Gecko dieses Prinzip weitgehend ausgereizt hat. Ein Mensch müsste dementsprechend Geckoschuhe in Größe 145 an allen vier Gliedmaßen tragen, um wie Spider-Man an der Glasfront eines Hochhauses zu haften.

          Fliegen ohne Flügel

          Ähnlich unrealistisch ist die Skalierung der athletischen Leistungen der Arachniden auf den Menschen. So können Springspinnen, wie die im Sommer an Hauswänden zu beobachtende Zebraspinne, in einem einzigen Sprung das bis zu Fünfzigfache ihrer Körperlänge zurücklegen und obendrein Beute vom Vielfachen ihres Eigengewichts schleppen. Spider-Man kann das zwar auch, aber eben nur als Phantasiegestalt.

          Ihre geringe Größe hilft manchen Spinnen außerdem, sich in die Lüfte zu erheben. Dafür sind in Europa vor allem die Jungtiere der in Hecken lebenden Baldachinspinnen bekannt, die sich im Spätsommer mit Hilfe feinster Spinnfäden und warmer Aufwinde zu neuen Lebensräumen treiben lassen. Für diese als „Ballooning“ bekannte Flugtechnik sollte man allerdings nicht viel mehr als ein hundertstel Gramm wiegen, andernfalls siegt die Schwerkraft.

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