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Anthropologie : Vetter aus uralten Zeiten

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Bild: dpa

Anthropologen gelingen mittlerweile erstaunliche Einsichten in die Geschichte von menschlichen Populationen: Ob das nun die Wanderungsbewegungen der alten Phönizier, die Nachfahren der Etrusker oder auch des Tiroler Gletschermanns Ötzi sind.

          Genealogie, die Suche nach den eigenen Vorfahren, ist in den vergangenen Jahren zum Volkssport geworden. Anstatt mühsam alte Melderegister und Kirchenbücher zu wälzen, kann man heute im Internet nach Ahnen und entfernten Verwandten fahnden. Doch spätestens in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges versiegen auch dort die meisten Quellen zur Rekonstruktion eines Stammbaums.

          Abhilfe versprechen inzwischen Biotech-Firmen, die dem Interessierten für drei- bis vierstellige Eurobeträge eine Analyse seines Erbguts anbieten. Dafür untersuchen sie zum Beispiel die DNA des männlichen Y-Chromosoms, die praktisch unverändert vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Für Aussagen über die mütterliche Linie eignet sich dagegen das Erbgut der Mitochondrien, winziger Organellen, die den Energiehaushalt der Zelle regeln und nur von der Mutter vererbt werden.

          Gentest im großen Stil

          In diese sonst weitgehend unveränderlichen Teile des menschlichen Erbguts schleichen sich immer wieder Mutationen ein. So entstand im Laufe der Menschwerdung eine Vielzahl sogenannter Haplogruppen, die sich jeweils durch ein identisches Muster der angesammelten Mutationen auszeichnen. In eben diese Gruppen ordnen die kommerziellen Gentester den Kunden ein. Die Aussagen, die sich damit machen lassen, begeistern aber wohl nur echte Hardcore-Genealogen: Mitglieder der mitochondrialen Haplogruppe K etwa erfahren nicht viel mehr, als dass sie sich in der Gesellschaft von rund drei Millionen Menschen befinden und vermutlich mitteleuropäische Wurzeln haben.

          Während die Erbgutanalyse für reine Hobbyzwecke also eher unbefriedigende Ergebnisse liefert, sind ihre Resultate für Anthropologen umso interessanter. Ausgesprochen ehrgeizig ist das von National Geographic und IBM finanzierte "Genographic Project", das mit Hilfe von Gentests an Hunderttausenden von Freiwilligen aus aller Welt die großen Wanderungsbewegungen der Menschheitsgeschichte rekonstruieren will. In der Novemberausgabe des American Journal of Human Genetics berichten Forscher des Konsortiums nun von ihren Bemühungen, das Schicksal der Phönizier zu klären, eines antiken Seefahrervolkes des Nahen Ostens, das nach seiner Blütezeit vor rund 3000 Jahren praktisch spurlos verschwand. Die Forscher analysierten dazu die DNA des Y-Chromosoms von 1330 Männern aus Orten mit archäologisch belegter phönizischer Vergangenheit und verglichen diese mit Literaturdaten aus anderen Gebieten. Sie identifizierten ein typisch phönizisches Mutationsmuster, das heute noch bei mindestens sechs Prozent der an den ehemals phönizischen Orten lebenden Männer zu finden sei.

          Rückgriff auf „alte DNA“

          Wesentlich klarere Aussagen über den Verbleib eines alten Volkes lassen sich machen, wenn neben dem Genmaterial möglicher Nachkommen auch originale DNA-Sequenzen der Ahnen vorliegen. Inzwischen gelingt die Isolierung solcher "alten DNA" sogar für die ganz graue Vorzeit: Forscher des Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie präsentierten im August im Fachblatt Cell die komplette Sequenz des mitochondrialen Genoms des Neandertalers, die sie aus DNA-Resten in mehr als 30 000 Jahre alten Knochen rekonstruiert hatten.

          Regelrecht jung erscheinen da die rund 2500 Jahre alten Knochen aus etruskischen Gräbern, aus denen italienische Forscher ansehnliche Mengen DNA isolieren konnten. Die Analyse ergab vor zwei Jahren Erstaunliches: Offenbar sind die heutigen Bewohner der Toskana, anders als sie selbst es gern behaupten, keine direkten Nachfahren der Etrusker.

          Ahnen aus der Bronzezeit

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