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Anatomie & Physiologie : Die richtige Gangart

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Und dann auf den gesamten Vorderfuß: Manche Marathonläufer zumindest bevorzugen diese Technik Bild: dpa

Laufen kann man mit verschiedenen Techniken, und ob Aufsetzen mit der Ferse oder mit dem ganzen Vorderfuß: der Energieverbrauch bleibt gleich. Doch beim Gehen gibt es durchaus eine richtige, nämlich besonders Energie sparende Gangart.

          Der Mensch ist ein geborener Langstreckenläufer: Lange Beine erlauben große Schritte, und die Fähigkeit, stark zu schwitzen, schützt zuverlässig vor Überhitzung. Dass wir gewöhnlich mit der Ferse auftreten, scheint allerdings nicht so recht ins Bild zu passen. Andere Säugetiere, die als flinke Läufer bekannt sind, berühren den Erdboden nur mit den Zehen.

          Beim Laufen bringt die spezifisch menschliche Gangart tatsächlich keinen Vorteil. Anders sieht es jedoch aus, wenn zeitweilig beide Füße zugleich Bodenkontakt haben, beim Gehen also. Das haben kürzlich Christopher Cunningham und David Carrier von der University of Utah in Salt Lake City entdeckt. Die beiden Forscher fanden in Zusammenarbeit mit Nadja Schilling und Christoph Anders von der Universität Jena heraus, dass offenkundig viel Stoffwechselenergie eingespart wird, wenn die Ferse zuerst aufsetzt ("The Journal of Experimental Biology", Bd. 213, S. 790).

          Messungen auf dem Laufband

          Um den Bewegungsablauf und Energiebedarf nach allen Regeln der Kunst studieren zu können, wurden elf junge Leute - alle gesund und sportlich - auf ein Laufband geschickt. Dort sollten sie ihre Füße in den drei unterschiedlichen Stellungen aufsetzen, die der Mensch von Natur aus beherrscht. Auf Zehenspitzen - genauer gesagt, auf den Zehen in ihrer ganzen Länge - geht er nur ausnahmsweise und meist nur wenige Schritte.

          Mit dem gesamten Vorderfuß aufzutreten, ohne dabei die Ferse zu belasten, lässt sich dagegen mühelos stundenlang durchhalten. Diese unkonventionelle Lauftechnik ist keineswegs abwegig. Etliche Spitzensportler, Sprinter wie Marathonläufer, erzielen damit Höchstleistungen. Dass sie gegenüber Konkurrenten, die mit der Ferse aufsetzen, keineswegs im Nachteil sind, bestätigten auch die Probanden auf dem Laufband: Um eine bestimmte Strecke zurückzulegen, mussten sie unabhängig von ihrer Lauftechnik gleich viel Stoffwechselenergie aufwenden.

          Der Fersengänger

          Erst wenn ein Mensch sein Tempo drosselt und geht, statt zu laufen, machen sich Unterschiede bemerkbar: Wer statt mit der Ferse bloß mit den Zehenballen aufsetzt, verbraucht bei gleicher Geschwindigkeit etwa fünfzig Prozent mehr Stoffwechselenergie. Damit ist diese Gangart kaum weniger anstrengend, als auf Zehenspitzen zu gehen. Auch die Ballen vom Boden abzuheben lässt den Energieumsatz nur um weitere zwanzig Prozent ansteigen. Zunächst mit der Ferse aufzutreten und den Fuß dann erst über die Zehenballen abzurollen erweist sich demgegenüber als bemerkenswert sparsame Art der Fortbewegung.

          Laufen ist ohnehin weniger ökonomisch als Gehen. Das gilt generell auch für andere Säugetiere. In der Gewichtsklasse des Menschen beträgt die zu erwartende Steigerung des Energieumsatzes allerdings nur etwa 16 Prozent. Tatsächlich muss ein Mensch für dieselbe Strecke aber bis zu 70 Prozent mehr Stoffwechselenergie aufwenden, wenn er zu laufen beginnt, zeitweilig also mit keinem Fuß mehr Bodenkontakt hält. Ob man einen Kilometer gemütlich in acht Minuten läuft oder sich nur halb so viel Zeit nimmt, spielt dabei keine Rolle.

          Das Wanderleben in den Knochen

          In welchem Zusammenhang sich unsere erstaunlich effiziente Gangart herausgebildet hat, bleibt ein Rätsel. Unsere nächsten Verwandten sind in dieser Hinsicht wenig aufschlussreich. Zwar treten die Großen Menschenaffen beim Gehen ebenfalls mit der Ferse zuerst auf, sie zeigen allesamt aber wenig Neigung zu ausgedehnten Fußmärschen. Schimpansen sind zwar etwas mobiler als die massigen Gorillas, aber auch sie legen pro Tag meist nur wenige Kilometer zurück. Menschen, die als Jäger und Sammler leben, streifen gewöhnlich viel weiter umher. Zweifellos hat dieses Wanderleben unsere Entwicklungsgeschichte nachhaltig geprägt.

          In modernen Industriegesellschaften sind einschlägige Fähigkeiten freilich nur noch selten gefragt. Wer im Supermarkt aus dem Vollen schöpft, statt mühsam in freier Natur nach Essbarem zu suchen, der muss mit seiner Stoffwechselenergie nicht mehr so sorgsam haushalten. Im Kampf gegen allzu üppige Fettpolster könnte sich eine minder sparsame Art der Fortbewegung sogar als nützlich erweisen: Wer beim Spazierengehen mit dem Ballen auftritt statt mit der Ferse, kann auf derselben Strecke an die siebzig Prozent mehr Kilokalorien loswerden.

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