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Altersforschung : Was für den Tod spricht

  • -Aktualisiert am

Lebt länger, aber nicht besser: Der Fadenwurm Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Jonathan Swifts Romanheld Gulliver entdeckte auf seinen Reisen Zwerge, Riesen und sogar Unsterbliche. Was er dabei über das Leben lernte, konnten 300 Jahre später nun auch Genforscher bestätigen.

          Als Lemuel Gulliver auf seiner dritten Reise von den Struldbrugs, den unsterblichen Bewohnern der Insel Luggnagg, hört, ist er begeistert. Mit einem ewigen Leben in Aussicht scheinen die Möglichkeiten grenzenlos! Wer als Struldbrug geboren wird, genießt in Gullivers Augen göttliche Freiheit. Die sterblichen Einwohner von Luggnagg können angesichts dieser Euphorie nur lachen. Der Fremde scheint Unsterblichkeit mit ewiger Jugend gleichzusetzen. Wer aber einen Struldbrug trifft, merkt schnell, dass das ein fataler Fehlschluss ist. Die Armen leben nicht nur ewig, sondern altern auch ewig, so dass sie mit den Jahrhunderten zu einem gebrechlichen, missgünstigen, gelangweilten Schatten ihrer selbst werden.

          Was die Luggnaggs in Jonathan Swifts Roman längst wissen, findet nun auch Hinweise in der heutigen Genforschung. Eine Gruppe von Biologen testete, wie sich der Faktor TCER-1, der für die Verlängerung der Lebenserwartung bekannt ist, bei Würmern genau auswirkt. Dabei stellte sich heraus, dass Mutanten, bei denen TCER-1 entfernt wurde, überraschend einen „dramatischen“ Anstieg der Überlebenschance aufwiesen. Sie waren resistenter gegen mehrere Stressfaktoren, was ausschlaggebend für langanhaltende Gesundheit ist. Während TCER-1 zwar die Langlebigkeit und auch Fruchtbarkeit der Würmer erhöhte, führte eine Überexpression zu größerer Anfälligkeit für Infektionen.

          Langes Leben und gute Gesundheit sind nicht das gleiche

          Diese Forschungsergebnisse zeigen, dass Langlebigkeit und gute Gesundheit genetisch nicht immer zusammenhängen. Sie müssen getrennt voneinander betrachtet werden. Gulliver nimmt von seiner Reise die Erkenntnis mit, dass ein ewiges Leben eher Fluch als Segen ist. Die eigentlichen Gewinner der Geschichte sind die sterblichen Luggnaggs, die von den Struldbrugs immer daran erinnert werden, nicht nur für das Leben, sondern auch für den Tod dankbar zu sein.

          Warum empfinden wir den Tod dennoch als etwas Schlechtes? Philosophisch ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Fasst man den Tod als Ende der eigenen Existenz auf, gerät man in das Problem, für wen er dann schlecht sein soll. Kann etwas auch für eine Person schlecht sein, die nicht mehr existiert? Der Philosoph Shelly Kagan argumentiert, dass der Tod deshalb schlecht ist, weil er uns um unser Leben bringt. Wir werden dessen beraubt, was wir nach unserem Tod hätten erleben können. Die Struldbrugs beneiden wir nur deshalb nicht, weil ihr Leben mit der Zeit nur noch die Leiden des Alterns bereithält. Ein ewiges Leben hingegen, das auch ewige Jugend bietet, scheint Gullivers Traum von göttlicher Freiheit nahezukommen.

          Hier widerspricht Kagan und führt Bernard Williams an, für den Unsterblichkeit einer Person ihre Identität und dem Leben den Sinn nimmt. Wünsche und Sehnsüchte, die uns ausmachen und unserem Leben einen Sinn geben, können aus Williams’ Sicht nicht ewig andauern. Damit das Leben nicht grau und fad wird, müssten wir unsere Wünsche immer wieder grundlegend ändern und verlören dadurch unsere Identität. Die entscheidende Frage ist also, wie lang ein Leben sein kann, damit wir es noch als erfüllt ansehen. Für die Struldbrugs und die Würmer der Biologen bedeutet länger jedenfalls nicht selbstverständlich besser.

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