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Fossilienfund : Als in der Antarktis noch Frösche hüpften

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Die Urahnen der Chilenischen Helmwasserkröte (Calyptocephalella gayi) bevölkerten einst die Antarktis. Bild: blickwinkel/B. Trapp

Noch vor vierzig Millionen Jahren herrschte auf dem südlichsten Kontinent ein gemäßigtes Klima. Das belegen die Fossilien einer Froschart, deren moderne Verwandtschaft heute in Südamerika und in Australien lebt.

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          Wale, Robben, Pinguine – die Meere der Antarktis ernähren eine üppige Fauna. An Land bietet der frostige Kontinent dagegen bloß Lebensräume für winzige Krabbeltiere, bestenfalls auch für Käfer, Fliegen und Spinnen. Im mittleren Eozän, als hierzulande in Flüssen und Seen noch Krokodile lauerten und Urpferdchen durchs subtropische Unterholz schlüpften, sah das ganz anders aus. Zwar wuchsen im Inneren der Antarktis wahrscheinlich schon Gletscher. An der Spitze der Antarktischen Halbinsel gediehen vor rund vierzig Millionen Jahren aber noch dichte Wälder mit Südbuchen. Dass dort damals ein gemäßigtes Klima herrschte mit Durchschnittstemperaturen, die selbst im kältesten Monat über dem Gefrierpunkt lagen, belegt nun auch das erste Fossil eines Froschlurchs aus dieser Zeit, das auf Seymour Island gefunden wurde. Dabei handelt es sich um den Vertreter einer Gruppe, die einerseits in Südamerika anzutreffen ist, andererseits auch in Tasmanien, Australien und Neuguinea.

          Aus dem frühen Tertiär – genauer gesagt aus dem Eozän – waren in der Antarktis bereits zwei Arten von Huftieren und zehn kleinere Säugetiere bekannt. Von Amphibien fehlte bislang jedoch jede Spur. Obwohl Samen von Teichrosen bezeugen, dass die Spitze der Antarktischen Halbinsel einst durchaus passende Biotope bereithielt. An der Teichrosen-Fundstelle auf Seymour Island haben Thomas Mörs von der Universität Stockholm und Marcelo Reguero vom Instituto Antártico Argentino in Buenos Aires nun fossile Überreste eines Froschs aufgespürt. Allerdings äußerst spärliche: jeweils ein nur wenige Millimeter großes Fragment von einem Hüft- und einem Schädelknochen.

          Die schwedisch-argentinische Forschergruppe fand gemeinsam mit Davit Vasilyan von der Universität Fribourg heraus, dass sich die Knochenstückchen der Gattung Calyptocephalella zuordnen lassen. Diese Frösche zeichnen sich durch ungewöhnlich massive Schädelknochen aus, die an der Oberseite auffällige Noppen tragen. Wie Mörs und seine Kollegen in den „Scientific Reports“ berichten, waren solche Dickschädel bisher ausschließlich aus Südamerika bekannt. Die bislang ältesten Fossilien stammen aus Argentinien aus der Zeit der Oberkreide (vor rund 100 bis 66 Millionen Jahren).

          Ein Paläontologe gräbt nach Froschfossilien auf Seymour Island. Bilderstrecke

          Wie zahlreiche Funde belegen, haben sich Froschlurche der Gattung Calyptocephalella zunächst östlich der Anden getummelt. Während des Eiszeitalters sind sie in der gemäßigten Klimazone westlich dieses Gebirgszugs aufgetaucht. Heutzutage leben sie dort in Gestalt der Helmwasserkröte Calyptocephalella gayi. Dieses stattliche Tier bevölkert stehende und langsam fließende Gewässer im Valdivianischen Regenwald. Von Südbuchen der Gattung Nothofagus geprägt, erstreckte sich dieser üppige Wald ursprünglich großflächig von der chilenischen Pazifikküste bis zum Fuß der Anden.

          Bedrohte Nachfahren der einstigen Antarktisbewohner

          Bezeichnenderweise stammen die meisten Fossilien der Gattung Calyptocephalella aus Gesteinsschichten, die auch Blätter von Südbuchen bergen. Nach Einschätzung von Mörs und seinen Kollegen spricht viel dafür, dass der dickschädelige Froschlurch von der Antarktischen Halbinsel in einem ganz ähnlichen Biotop zu Hause war wie heutzutage die Helmwasserkröte. Gut möglich, dass die Gattung Calyptocephalella einst in der Antarktis entstanden ist. Vielleicht war der jetzt so lebensfeindliche Kontinent im Zeitalter der Dinosaurier sogar ein Zentrum der Froschevolution auf der Südhalbkugel. Wie molekulargenetische Analysen zeigen, haben sich Vorfahren von Calyptocephalella schon vor rund 100 Millionen Jahren von den Australischen Südfröschen (Myobatrachidae) getrennt. Damals war die Antarktis noch frei von Gletschern und eng mit Australien und Südamerika verbunden.

          Als eine globale Abkühlung den angestammten Lebensraum der dickschädeligen Froschlurche allmählich verschwinden ließ, wurde Calyptocephalella trotzdem nicht heimatlos. Ihr Wald hatte neues Terrain erobert, ehe er auf dem alten restlos weichen musste: Als das Klima in der Antarktis zu frostig wurde, überlebten die von Südbuchen geprägten Regenwälder im heutigen Patagonien. Als später die Anden derart in die Höhe wuchsen, dass sie den meisten Regenwolken den Weg nach Osten versperrten, konnte sich in den gemäßigten Breiten westlich der Berge noch dichter Wald behaupten.

          Dieser Valdivianische Regenwald bietet nicht nur ein Refugium für eine Gattung von Froschlurchen, die sich vor vierzig Millionen Jahren noch auf der Antarktischen Halbinsel tummelte. Er beherbergt auch andere eigenartige Spezies. Zum Beispiel die mausgroße Beutelratte Dromiciops gliroides, deren nächste Verwandte heute allesamt in Australien leben. Wo Valdivianischer Regenwald abgeholzt und durch profitable Kiefern- oder Eukalyptus-Plantagen ersetzt wird, geht ein einzigartiges Ökosystem verloren. Der Helm-Wasserkröte droht außerdem die Gefahr, dass sie eingefangen und als Delikatesse verkauft wird. Auch deshalb führt die „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) Calyptocephalella gayi auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

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