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Adipositas : Vom Gen zum Gewicht

  • -Aktualisiert am

Die Genvariante wird von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Risiko für Fettleibigkeit ist eingekreist: Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind Träger einer bestimmten genetischen Variante, die sie anfälliger macht für Übergewicht und die als Adipositas bezeichnete Fettleibigkeit. Die Genvariante liegt auf Chromosom 2.

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          Rund zehn Prozent der Bevölkerung sind Träger einer bestimmten genetischen Variante, die sie anfälliger macht für Übergewicht und die als Adipositas bezeichnete Fettleibigkeit. Die Betroffenen liegen mit ihrem Body-Mass-Index durchschnittlich um etwa einen Punkt höher als die übrigen neunzig Prozent. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen genetischen Suchaktion an mehr als 100.000 Varianten einzelner Basenpaare, die an der Universitätsklinik in Boston ihren Ursprung nahm und an deren Bestätigung auch deutsche Zentren beteiligt waren. Alle Forschergruppen veröffentlichten dieses Ergebnis jetzt gemeinsam in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Science“.

          In einem Kollektiv von 694 Teilnehmern der sogenannten Framingham-Studie suchte man zunächst das gesamte Erbgut nach vielversprechenden Basenpaarveränderungen ab, die mit Übergewicht und Adipositas in Zusammenhang stehen könnten. Die Forscher fanden schließlich eine als rs7566605 klassifizierte Variante auf Chromosom 2, die ganz in der Nähe des „insulin-induced gene 2“ - Insig2 - liegt. Das Proteinprodukt dieses Gens bremst die Synthese von Fettsäuren und Cholesterin. Dreht man hier auf genetischer Ebene an einer Schraube, die die Menge oder die Aktivität dieses Eiweißes reguliert, so ist es plausibel anzunehmen, daß über diesen Weg beispielsweise vermehrt Fette im Gewebe eingelagert werden.

          Von den Eltern an die Kinder weitergereicht

          Um die Beobachtungen an anderen Bevölkerungsgruppen zu bestätigen, wandten sich die Forscher aus Boston an verschiedene Forscherteams, die über umfangreiche Studiengruppen verfügen, bei denen sowohl Erbmaterial als auch Angaben zum Körpergewicht vorhanden sind. Eines dieser Teams arbeitet an der Universitätsklinik Duisburg-Essen. Von hier aus koordiniert der Kinder- und Jugendpsychiater Johannes Hebebrand das Forschungsnetzwerk „Adipositas und assoziierte Störungen“, das Bestandteil des Nationalen Genomforschungsnetzes ist. Aus dem dortigen Kollektiv wurden 368 extrem übergewichtige Kinder und deren Eltern analysiert. Wie Anke Hinney aus der Essener Arbeitsgruppe erläuterte, konnte man nachweisen, daß die in Boston entdeckte Genvariante im hiesigen Kollektiv ebenfalls mit einem erhöhten Risiko für extremes Übergewicht einhergeht. Sie wird häufig von den Eltern an die Nachkommen weitergereicht. Das bedeutet, daß rs7566605 bereits früh in der Entwicklung wirksam wird, dadurch also bereits von der Kindheit an das Risiko erhöht wird, mehr Pfunde anzusetzen.

          Die Forschergruppe um Thomas Meitinger und Erich Wichmann von der Gesellschaft für Strahlenforschung in München-Neuherberg konnte an einer auf die Bevölkerung bezogenen Stichprobe aus der Region Augsburg ebenfalls nachweisen, daß diese Genvariante einen Risikofaktor für Übergewichtigkeit darstellt. Lediglich in der Gruppe aus weiblichen Teilnehmern der amerikanischen Nurses Health Study konnte keine Korrelation gefunden werden - möglicherweise deshalb, weil die Untersuchten im Mittel nicht in so hohem Ausmaß übergewichtig waren und der genetische Einfluß erst bei stark erhöhtem Körpergewicht auffällig wird.

          Erhöhung des Body-Mass-Index

          Die Erhöhung im Body-Mass-Index (BMI) um einen Punkt scheint auf den ersten Blick nicht viel auszumachen. Er berechnet sich aus Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Das ergibt einen vergleichsweise verläßlichen Wert, um Übergewicht (BMI über 25) und Adipositas (BMI über 30) zu definieren. Bei einer 1,80 Meter großen Person mit 75 Kilogramm, Körpergewicht erhöht die nun entdeckte Genvariante das Gewicht um etwa drei Kilogramm. Das mag im Einzelfall nicht zwischen Übergewicht und Normalgewicht entscheiden. Wegen der Verbreitung dieser Abweichung unter einem Zehntel der Bevölkerung fällt eine derartige Erhöhung jedoch ungleich stärker ins Gewicht.

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