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Alchemie : Bis die Retorte platzt

Eine Retorte aus dem Alchemistenlabor im ehemaligen Franziskanerkloster zu Wittenberg. Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vera Keil

Alchemie war angewandte Naturphilosophie, raunende Esoterik und zuweilen schlichter Betrug. Der nun ausgestellte Fund einer Laborausrüstung aus Wittenberg zeigt, was aus der „hermetischen Kunst“ um 1600 herum auch geworden war.

          Gotisch wölbt sich die Decke. Zu dem spärlichen Licht, das durch die Spitzbögen sickert, gesellen sich Flammen, die aus tönernen Herdplatten schlagen. Dazwischen stehen mehrere Retorten sowie große, an längliche Kürbisse erinnernde Glaskolben. Was darinnen brodelt, ist nicht recht zu erkennen, denn die Gefäße sind bis oben hin mit Lehm ummantelt, nur Retortenhälse und die Schnäbel gläserner Destillierhelme schauen heraus. Aus ihren Enden tropfen ölige Essenzen in kleinere Kolben und verbreiten stechenden Schwefelgeruch oder das dumpfe Aroma von Stickoxiden, die sich mit dem Brandgeruch des Herdes mischen. Brennholz und Lehmbrocken liegen herum, eiserne Zangen und Unmengen weiterer Gefäße: Kolben, Becher, Tiegel.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Plötzlich hört man ein Knacken, gefolgt von Zischen und einem frühneuhochdeutschen Kraftausdruck. Ein Retortenhals hat sich gesenkt, woraufhin die Destilliervorlage abgerutscht ist. Ein Mann mit Barett greift fluchend nach einer Zange. Schon wieder ist eine Retorte zu heiß geworden und geschmolzen, das teure Gefäß aus grünlichem Waldglas zusammengesunken zu einem faltigen Sack. Sobald alles abgekühlt ist, muss der Famulus das Malheur entsorgen - in der Grube unter der Holztreppe, wie alles andere, was hier schon zu Bruch gegangen ist.

          Tausende von Scherben

          So könnte es zugegangen sein um das Jahr 1600 in der alchemistischen Werkstatt im Franziskanerkloster zu Wittenberg, das die Mönche schon 1522 infolge der Reformation hatten verlassen müssen. Wie es in solchen Laboren aussah in einer Zeit, in der Begriffe wie „Molekül“ oder selbst „Gas“ noch unbekannt waren, darüber informieren zeitgenössische Abbildungen. Vereinzelt hat auch hier und da noch ein alter Kolben überlebt.

          Doch hier in Wittenberg kam bei Ausgrabungen Ende 2012 eine ganze Laborausstattung zum Vorschein, darunter neun Retorten, ebenso viele der kürbisförmigen Cucurbiten, sechs davon mehr als einen halben Meter hoch, sowie vier fast vollständige Destillierhelme, sogenannte Alembiks. Alles freilich in Tausende Scherben zersprungen. Doch so überdauerten sie die Jahrhunderte, bis die Archäologen sie in der Abfallgrube unter der Treppe fanden und die Restauratorin Vera Keil vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt in Halle sie in anderthalbjähriger Arbeit zusammensetzte. Derzeit ist das alchemistische Altglas spektakulärer Mittelpunkt einer auch sonst sehenswerten Ausstellung im Museum für Vorgeschichte in Halle.

          Rauchende Schwefelsäure

          Zusammen mit einem Laborinventar, das 1980 im Schloss Oberstockstall in Niederösterreich ans Licht kam, ist der Wittenberger Fund der einzige dieser Art. Doch während es sich in Oberstockstall wohl um ein metallurgisches „Probierlaboratorium“ handelte, in dem Münzmetall und Erzproben untersucht wurden, ging es in Wittenberg um etwas anderes, wie der Chemiker Christian-Heinrich Wunderlich festgestellt hat, der in Halle die Restaurierungsabteilung leitet. „Die Glasgeräte sind nicht bewusst zerschlagen worden, sondern beim Gebrauch kaputtgegangen. Deswegen wurden sie auch nicht gereinigt, und so sind da noch Reste von Substanzen dabei.“

          So ist eines der faltig verformten Retortenfragmente innen mit einer rötlichen Kruste überzogen. „Hämatit“, erklärt Wunderlich. „Der Überrest einer Schwefelsäureherstellung. Da hat man Eisenvitriol - chemisch Eisen(II)sulfat - erst geröstet und dann in der Retorte auf 800 Grad gebracht. Dabei entstand dann Schwefeltrioxid.“ Dieses entwich und reagierte mit Feuchtigkeit zu rauchender Schwefelsäure, einer öligen, stark ätzenden Flüssigkeit, die in der technischen Chemie noch heute „Oleum“ heißt, nach der alten alchemistischen Bezeichnung dafür: Oleum vitrioli, Vitriolöl.

          Salpetersäure und Quecksilbersalz

          Auch hochkonzentrierte Salpetersäure, Aqua fortis, dürfte in Wittenberg hergestellt worden sein, wahrscheinlich durch das Erhitzen von Eisenvitriol mit Salpeter. Das schließt Wunderlich aus Hämatit in einigen Cucurbiten. Die eigneten sich nicht zum Brennen von Vitriolöl, sondern dienten im Verbund mit Alembiks zur Destillation leichter flüchtiger Substanzen. Ein anderer Kürbiskolben enthielt dagegen Quecksilber(I)chlorid, Mercurius dulcis auf Alchemistisch. Das war aber wohl nur ein Nebenprodukt der Produktion von Quecksilber(II)chlorid alias Mercurius sublimatus. Dieses wiederum wurde benötigt, wenn der Alchemist aus dem Mineral Grauspießglanz Antimonöl herstellen wollte, eine weiche, ätzende Masse, welche die moderne Chemie Antimontrichlorid nennt. Auch Spuren dieses Prozesses fand Wunderlich in einem Wittenberger Kolben.

          Antimon, das chemisch dem Arsen ähnelt, scheint hier überhaupt eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Das zeigen bereits ein Brocken Antimonerz sowie Schmelzkuchen aus Antimonsulfid, die in der Altglasgrube ebenfalls gefunden wurden. Eines der Ziele der Wittenberger Laboranten muss nach Wunderlichs Erkenntnissen die Herstellung von Antimonoxid gewesen sein. Dieses wurde entweder durch Glühen des Sulfids gewonnen, wie Reste in einigen Tiegeln bezeugen. Das ergab dann Vitrum antimonii, ein glasiges Oxisulfid von je nach verbliebenem Schwefelgehalt roter bis gelber Farbe. Oder man erhitzte das zerstoßene Sulfid mit Salpeter, ein Prozess mit ähnlichen pyrotechnischen Qualitäten wie das Entzünden von Schwarzpulver. Eine zerbrochene Steingutretorte zeigt, dass solche kontrollierten Verpuffungen auch in Wittenberg durchgeführt wurden. In ihrem Hals fand sich ein Belag aus weißem Flores antimonii, vulgo Antimon(III)oxid.

          Gifte für Goldmacher?

          Doch wozu wurden im frühbarocken Wittenberg alle diese zum Teil hochgefährlichen Chemikalien hergestellt? Ging es den Alchemisten denn nicht um die Erzeugung des sagenhaften Steins der Weisen? Von dieser Substanz, die man sich dehnbar, trotzdem völlig feuerfest und auf jeden Fall knallrot vorstellte, sollten ja winzige Mengen reichen, um die Transmutation unedler Metalle in Silber und Gold zu bewirken.

          Natürlich, darum ging es ihnen auch. Doch Alchemie war einerseits mehr als Goldmacherei. Zugleich war sie aber auch keine bloße Protochemie, die einfach nur falschen Naturtheorien anhing. Falsche Vorstellungen von dere Welt der Substanzen gab es auch in der Chemie, etwa die im späten 17. Jahrhundert aufgekommene Phlogiston-Theorie, die Verbrennung als Entweichen einer hypothetischen Substanz, eben des Phlogistons, interpretierte. Das war aber trotzdem bereits Chemie und keine Alchemie, denn hier suchte man schlicht ein vorhandenes Phänomen zu erklären. Alchemie dagegen zielte stets auf etwas, das außerhalb der beobachteten Erscheinungen lag: den Stein der Weisen - aber auch die Vervollkommnung des Alchemisten selbst, wenn nicht sogar letzte Weltweisheit.

          Die hermetische Kunst

          Dies hat mit dem Ursprung der Alchemie zu tun. Anders als die vorneuzeitliche Vorstellung vor Astronomie oder Physik, die zentral auf die griechische Antike zurückgehen, insbesondere auf die Naturphilosophie des Aristoteles, entstand die Alchemie aus der Begegnung zweier Kulturen: einmal der des alten Ägyptens, in der Handwerker, oft im Dienst der großen Tempel, raffinierte und üblicherweise geheime Verfahren entwickelten, um teure Materialien wie Gold oder Purpur optisch nachzuahmen. Die Idee der Transmutation hat hier ihren Ursprung. Dies mischte sich nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen mit griechischen Vorstellungen. Aber eben nicht nur mit rationalen Naturtheorien wie der von den vier Elementen oder dem medizinischen Ideengebäude der hippokratischen Texte und des Galen von Pergamon. Vielmehr fanden hier auch griechische Mysterienkulte Gemeinsamkeiten mit der Geheimniskrämerei der ägyptischen Tempelhandwerker.

          Der Ouroboros (“Schwanzverzehrer“) ist ein noch aus Ägypten stammendes Symbol für die Einheit von allem, insbesondere von Makro- und Mikrokosmos. Hier auf der spätmittelalterlichen Kopie eines alchemistischen Traktats aus dem 7. Jahrhundert.

          Tatsächlich zeugt schon das Wort von der multikulturellen Abkunft des Phänomens Alchemie. Denkt man sich den arabischen Artikel al weg, könnte der Rest entweder vom griechischen chéein für gießen (nämlich geschmolzenes Metall) kommen - oder von „kemet“, dem altägyptischen Namen für das Land am Nil. Ob also „Gießkunst“ oder „ägyptische Kunst“ - um die Zeitenwende entstanden in Ägypten griechische Texte, die einem mythischen Autor namens Hermes Trismegistos zugeschrieben wurden und die in allegorischer Terminologie von geheimem, eben „hermetischem“ Wissen raunten, von dem es hieß, es befähige den Adepten zur Umwandlung der Stoffe wie zur eigenen Vervollkommnung. Denn der Mensch und der stoffliche Mikrokosmos seines Körpers hätten ihre Entsprechung im Makrokosmos.

          Die Alchemie geht nach Westen

          Arabische Autoren setzten diese Tradition fort, und als der lateinische Westen, der in der Völkerwanderungszeit das Griechisch verlernt hatte, dank arabisch-persischer Vermittlung im 13. Jahrhundert Aristoteles wiederentdeckte, kam auch die Alchemie nach Westeuropa, zunächst noch in Verbindung mit einer arabisch angereicherten Galenschen Medizin. Doch nicht jeder, der damals über die Natur des Stofflichen nachdachte und das dann als Alchemie bezeichnete, hing auch den typischen alchemistischen Vorstellungen an. Der heilige Albertus Magnus etwa, der bedeutendste und vielseitigste Gelehrte seiner Zeit, hielt Transmutation für unmöglich, obgleich sie mit der aristotelischen Elementelehre ohne weiteres vereinbar ist.

          Die Blüte der abendländischen Alchemie begann in der Renaissance. Damals begehrte vor allem ein gewisser Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 bis 1541), gegen die Autorität Galens und seiner persischen und arabischen Nachfolger auf wie etwas später Galilei gegen Aristoteles. Ohnehin hatte sich der Zeitgeist wieder neoplatonischem Gedankengut zugewandt, in dessen Rahmen das hermetische Makrokosmos-Mikrokosmos-Konzept plausibler erscheint als im Aristotelismus. Zugleich aber verlagerte der promovierte Arzt Paracelsus den Schwerpunkt der Suche nach dem Stein der Weisen von der Metallurgie zur Medizin. Aufgabe des Alchemisten war für Paracelsus vor allem das Auffinden neuer, in der Natur nicht vorhandener Medikamente. Neben die traditionelle Kräuter-Pharmakologie stellte er eine eher mineralische „Chemiatrie“.

          Paracelsus und das Antimon

          Genau darum, um die Gewinnung anorganischer Arzneien nach Paracelsus, dürfte es in dem Wittenberger Labor vor allem gegangen sein. Selbst das hier gebrannte Vitriolöl könnte für medizinische Zwecke bestimmt gewesen sein. „Paracelsus empfiehlt das gegen Epilepsie“, erklärt Christian-Heinrich Wunderlich. „Ein paar Tropfen Schwefelsäure in einem Glas Wein, das löst dann alles Mögliche.“

          Mit Sicherheit hatte die Wittenberger Antimon-Alchemie einen pharmakologischen Hintergrund. „Das ganze Mittelalter hindurch hatte Antimon keine Rolle gespielt, weder metallurgisch noch sonst. Dann finden Anfang des 16. Jahrhunderts Goldschmiede heraus, dass es eine wunderbare Eigenschaft hat: Man kann Gold damit reinigen.“ Denn beim Zusammenschmelzen sulfidischen Antimonerzes mit silberhaltigem Gold bilden sich Silbersulfid und eine Gold-Antimon-Legierung, aus der sich das reine Gold erhalten lässt, indem man das unedle Halbmetall im Feuer oxidiert. Das brachte Paracelsus auf die Idee: Wenn Antimon Gold zu reinigen vermag, die perfekteste aller Substanzen, dann sollte es gemäß dem alchemistischen Grundsatz der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos auch in der Lage sein, den Körper von Krankheiten zu reinigen.

          Kotzen, Kacken, Schwitzen

          Daher waren Antimonverbindungen in der Chemiatrie des Paracelsus und seiner Nachfolger von besonderer Bedeutung, wobei das natürlich vorkommend Sulfid erst einmal in Formen überführt werden musste, in denen das Antimon, wie man heute sagen würde, bioverfügbar ist. Die Wirkung paracelsischer Antimonpräparate war dann wie beim Gold tatsächlich - aus moderner Sicht zufällig - die einer Reinigung. „Das Prinzip war 'vomere, cacare, sudare‘“, sagt Wunderlich. „Da geht es durch alle Körperöffnungen raus.“ Gibt man beispielsweise etwas Flores antimonii oder Vitrum antimonii in einen Becher Wein, bildet sich mit der darin enthaltenen Weinsäure eine Antimon-Komplexverbindung, die nicht zufällig „Brechweinstein“ heißt und die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein zur raschen Magenentleerung verabreicht wurde.

          Allerdings will man nicht in der Haut eines Patienten stecken, der eine solche Therapie über sich ergehen lassen muss. Die Qualen sind beträchtlich und das Risiko hoch, denn Antimonverbindungen sind ähnlich giftig wie die des Arsens. Dass man ihre innerliche Anwendung eher überlebt, liegt vor allem daran, dass man sie in der Regel nicht lange bei sich behält. Diese Giftigkeit hat umgehend heftigen Widerstand gegen die Antimontherapie im Besonderen und die Chemiatrie im Allgemeinen befeuert, bis hin zu einem völligen Verbot von Antimonpräparaten in Frankreich zwischen 1566 und 1666. Paracelsus selbst verteidigte seinen Therapieansatz energisch, und es war genau diese Kontroverse ums Antimon, in der er seinen wohl berühmtesten Ausspruch prägte: „Allein die dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

          Das Hobby des Kurfürstenpaares

          Im Wittenberger Labor wurde also sehr wahrscheinlich überwiegend paracelsische Alchemie betrieben. Abgesehen vielleicht von der Salpetersäure, die als „Scheidewasser“ imstande ist, Silber aufzulösen, gibt es keine Hinweise auf Metallurgie. „Ich neige außerdem dazu, dass es eine reine Produktionsstätte war“, sagt Christian-Heinrich Wunderlich. „Denn wir haben keine Substanzen festgestellt, die nicht in der damaligen Antimonliteratur zu finden sind.“ Möglicherweise stand das Labor im Zusammenhang mit der 1502 gegründeten Universität Wittenberg, die das profanisierte Klostergebäude zuvor schon genutzt hatte. Unter den Bestattungen in der ehemaligen Klosterkirche wurden nämlich auch die zweier sezierter Leichen gefunden, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um die Objekte dokumentierter Sektionen handelt, die von Professoren der Medizinischen Fakultät in den Jahren 1526 und 1534 vorgenommen worden waren.

          Stein der Weisen? Mit diesen „Rubinlein“ aus roten Schwefelverbindungen täuschte 1598 ein Alchemist seinen Fürsten.

          Allerdings wurde das Gebäude, das mit der Reformation an den Kurfürsten von Sachsen als den Landesherrn fiel, nach 1537 militärisch genutzt. Möglicherweise gehörte das Labor zu der alchemistischen Infrastruktur des Kurfürsten August (1526 bis 1586) und seiner Gemahlin Anna von Dänemark (1532 bis 1585). Tatsächlich grassierte im 16. und 17. Jahrhundert unter den Landesherren im zerfleddernden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die Alchemitis. „Jedes Fürstenhaus hatte sein Labor“, sagt Wunderlich. „Wer was auf sich hielt, machte Alchemie. So wie man heute Golf spielt.“

          Transmutiertes Gold? Diese „Arbeitsprobe“ eines Goldmachers besteht im Inneren aus Kupfer. Der Mann wurde 1709 hingerichtet.

          Wobei nicht selten die erhofften wirtschaftlichen Folgen der Goldmacherei im Vordergrund standen, insbesondere nach dem ruinösen Dreißigjährigen Krieg und dann zu den Zeiten, als der höfische Glanz Ludwigs XIV. von Frankreich das Repräsentationsbedürfnis auch mancher kleiner und kleinster Fürstentümer ins Manische steigerte. Zahlreich die Fälle, in denen goldgierige Landesherren betrügerischen Alchemisten auf den Leim gingen. August und Anna allerdings scheinen Alchemisten aus Leidenschaft gewesen zu sein. „Die hatten beide das gleiche Hobby“, sagt Wunderlich. „Wobei sie sich das gendermäßig aufgeteilt haben: Anna destillierte Kräuterchen und machte Medizin, während der Kurfürst eher an heißer Alchemie und am Goldmachen interessiert war.“ Da Anna mit ihren Pharmazeutika auch handelte, könnte die Wittenberger Produktionsstätte für paracelsische Chemiatrika also auch auf sie zurückgehen.

          Hauptberufliche Goldmacher aber waren dort eher nicht zugange. Aber vielleicht hin und wieder ein anderer Alchemistentypus, der faustische Schwarzmagier, der mit dem Bösen paktiert, um die „Elementa zu spekulieren“? Ein einziger rätselhafter Fund inmitten des Wittenberger Scherbenhaufens ließe sich mit viel Phantasie vielleicht mit magischen Praktiken in Verbindung bringen: das in einem Tonkrug steckende, teilweise angesengte Skelett eines kleinen Hundes. „Leider lässt sich nicht feststellen, ob es ein Pudel war“, scherzt Alfred Reichenberger, der stellvertretende Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Um Doktor Faustens Begleiter dürfte es sich bei dem Tier aber schon deshalb nicht gehandelt haben, weil sehr fraglich ist, ob jener fahrende Zauberkünstler, der die historische Vorlage für die diversen Faust-Dichtungen abgab, tatsächlich je in Wittenberg war.

          Dr. Faust lebte sowieso gefährlich

          Noch fraglicher ist allerdings, ob es diese Sorte von Adepten überhaupt gab. „Die Alchemisten, die wir fassen können, waren eigentlich nicht diese Faust-Typen“, sagt Wunderlich. „Allerdings setzt die Legendenbildung schon früh ein, bereits im 16. Jahrhundert. Die ist aber nicht mit einer realen Figur verknüpft, sondern mit der Vorstellung von Leuten, die nicht verstanden, was die Alchemisten da taten, und denen es daher unheimlich vorkam.“ Ohne fürstliche Protektion alchemistischen Aktivitäten nachzugehen war in der Hochzeit der Hexenverfolgung (der auch viele männliche „Hexer“ zum Opfer fielen) sowieso nicht ratsam. Dass die Wittenberger Laboranten ihren Glasbruch unter der Treppe verbargen, statt ihn auf öffentliche Müllhalden zu kippen, kann man sich vielleicht auch vor diesem Hintergrund erklären.

          Tatsächlich dürfte es sich bei ihnen auch sonst um sehr praktische Leute gehandelt haben. Sie waren keine esoterischen Welträtsellöser, die zwischen ihren rauchenden Retorten dem Sinn hermetischer Texte nachgrübelten, sondern alchemistische Ingenieure, von Wissenschaftshistorikern heute oft „Chymisten“ genannt, die nachvollziehbare Rezepturen in geradem Latein schätzten und diese zu verbessern trachteten. Zwar erstellten und rezipierten auch sie noch Horoskope und glaubten an die Herstellbarkeit eines Steins der Weisen. Neue, elegantere und zu ihren Erfahrungen besser passende Theorien zu ersinnen, wie fast zur selben Zeit ihre mit den Gestirnen befassten Kollegen, das lag den Chymisten noch fern. Doch half ihr wachsendes Interesse am genauen Beobachten die Chemie vorzubereiten, die anderthalb Jahrhunderte nach ihnen heraufdämmerte.

          Da riss sie dann ab, die mehr als tausendjährige Tradition der Alchemie. Oder vielleicht doch nicht? Tatsächlich träumen wir immer noch vom Stein der Weisen. Er ist nicht mehr rot und muss auch kein Gold mehr machen. Aber unerschöpfliche Energiequellen bereitzustellen oder Krebs zu heilen, solche Fernziele werden von denen, die sich heute mit der stofflichen Natur befassen, noch immer irgendwie erwartet. Und eine Weltformel wollen nicht wenige von ihnen auch noch finden.

          Die Ausstellung „Alchemie. Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ ist noch bis zum 5. Juni im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.

          Literatur: Harald Meller, Alfred Reichenberger und Christian-Heinrich Wunderlich (Hrsg.), „Alchemie und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts“, Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 14, 2015. Claus Priesner, „Geschichte der Alchemie“, C.H.Beck München 2011.

           

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