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Alchemie : Bis die Retorte platzt

Hauptberufliche Goldmacher aber waren dort eher nicht zugange. Aber vielleicht hin und wieder ein anderer Alchemistentypus, der faustische Schwarzmagier, der mit dem Bösen paktiert, um die „Elementa zu spekulieren“? Ein einziger rätselhafter Fund inmitten des Wittenberger Scherbenhaufens ließe sich mit viel Phantasie vielleicht mit magischen Praktiken in Verbindung bringen: das in einem Tonkrug steckende, teilweise angesengte Skelett eines kleinen Hundes. „Leider lässt sich nicht feststellen, ob es ein Pudel war“, scherzt Alfred Reichenberger, der stellvertretende Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt. Um Doktor Faustens Begleiter dürfte es sich bei dem Tier aber schon deshalb nicht gehandelt haben, weil sehr fraglich ist, ob jener fahrende Zauberkünstler, der die historische Vorlage für die diversen Faust-Dichtungen abgab, tatsächlich je in Wittenberg war.

Dr. Faust lebte sowieso gefährlich

Noch fraglicher ist allerdings, ob es diese Sorte von Adepten überhaupt gab. „Die Alchemisten, die wir fassen können, waren eigentlich nicht diese Faust-Typen“, sagt Wunderlich. „Allerdings setzt die Legendenbildung schon früh ein, bereits im 16. Jahrhundert. Die ist aber nicht mit einer realen Figur verknüpft, sondern mit der Vorstellung von Leuten, die nicht verstanden, was die Alchemisten da taten, und denen es daher unheimlich vorkam.“ Ohne fürstliche Protektion alchemistischen Aktivitäten nachzugehen war in der Hochzeit der Hexenverfolgung (der auch viele männliche „Hexer“ zum Opfer fielen) sowieso nicht ratsam. Dass die Wittenberger Laboranten ihren Glasbruch unter der Treppe verbargen, statt ihn auf öffentliche Müllhalden zu kippen, kann man sich vielleicht auch vor diesem Hintergrund erklären.

Tatsächlich dürfte es sich bei ihnen auch sonst um sehr praktische Leute gehandelt haben. Sie waren keine esoterischen Welträtsellöser, die zwischen ihren rauchenden Retorten dem Sinn hermetischer Texte nachgrübelten, sondern alchemistische Ingenieure, von Wissenschaftshistorikern heute oft „Chymisten“ genannt, die nachvollziehbare Rezepturen in geradem Latein schätzten und diese zu verbessern trachteten. Zwar erstellten und rezipierten auch sie noch Horoskope und glaubten an die Herstellbarkeit eines Steins der Weisen. Neue, elegantere und zu ihren Erfahrungen besser passende Theorien zu ersinnen, wie fast zur selben Zeit ihre mit den Gestirnen befassten Kollegen, das lag den Chymisten noch fern. Doch half ihr wachsendes Interesse am genauen Beobachten die Chemie vorzubereiten, die anderthalb Jahrhunderte nach ihnen heraufdämmerte.

Da riss sie dann ab, die mehr als tausendjährige Tradition der Alchemie. Oder vielleicht doch nicht? Tatsächlich träumen wir immer noch vom Stein der Weisen. Er ist nicht mehr rot und muss auch kein Gold mehr machen. Aber unerschöpfliche Energiequellen bereitzustellen oder Krebs zu heilen, solche Fernziele werden von denen, die sich heute mit der stofflichen Natur befassen, noch immer irgendwie erwartet. Und eine Weltformel wollen nicht wenige von ihnen auch noch finden.

Die Ausstellung „Alchemie. Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ ist noch bis zum 5. Juni im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.

Literatur: Harald Meller, Alfred Reichenberger und Christian-Heinrich Wunderlich (Hrsg.), „Alchemie und Wissenschaft des 16. Jahrhunderts“, Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 14, 2015. Claus Priesner, „Geschichte der Alchemie“, C.H.Beck München 2011.

 

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