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Alchemie : Bis die Retorte platzt

Allerdings will man nicht in der Haut eines Patienten stecken, der eine solche Therapie über sich ergehen lassen muss. Die Qualen sind beträchtlich und das Risiko hoch, denn Antimonverbindungen sind ähnlich giftig wie die des Arsens. Dass man ihre innerliche Anwendung eher überlebt, liegt vor allem daran, dass man sie in der Regel nicht lange bei sich behält. Diese Giftigkeit hat umgehend heftigen Widerstand gegen die Antimontherapie im Besonderen und die Chemiatrie im Allgemeinen befeuert, bis hin zu einem völligen Verbot von Antimonpräparaten in Frankreich zwischen 1566 und 1666. Paracelsus selbst verteidigte seinen Therapieansatz energisch, und es war genau diese Kontroverse ums Antimon, in der er seinen wohl berühmtesten Ausspruch prägte: „Allein die dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Das Hobby des Kurfürstenpaares

Im Wittenberger Labor wurde also sehr wahrscheinlich überwiegend paracelsische Alchemie betrieben. Abgesehen vielleicht von der Salpetersäure, die als „Scheidewasser“ imstande ist, Silber aufzulösen, gibt es keine Hinweise auf Metallurgie. „Ich neige außerdem dazu, dass es eine reine Produktionsstätte war“, sagt Christian-Heinrich Wunderlich. „Denn wir haben keine Substanzen festgestellt, die nicht in der damaligen Antimonliteratur zu finden sind.“ Möglicherweise stand das Labor im Zusammenhang mit der 1502 gegründeten Universität Wittenberg, die das profanisierte Klostergebäude zuvor schon genutzt hatte. Unter den Bestattungen in der ehemaligen Klosterkirche wurden nämlich auch die zweier sezierter Leichen gefunden, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um die Objekte dokumentierter Sektionen handelt, die von Professoren der Medizinischen Fakultät in den Jahren 1526 und 1534 vorgenommen worden waren.

Stein der Weisen? Mit diesen „Rubinlein“ aus roten Schwefelverbindungen täuschte 1598 ein Alchemist seinen Fürsten.

Allerdings wurde das Gebäude, das mit der Reformation an den Kurfürsten von Sachsen als den Landesherrn fiel, nach 1537 militärisch genutzt. Möglicherweise gehörte das Labor zu der alchemistischen Infrastruktur des Kurfürsten August (1526 bis 1586) und seiner Gemahlin Anna von Dänemark (1532 bis 1585). Tatsächlich grassierte im 16. und 17. Jahrhundert unter den Landesherren im zerfleddernden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die Alchemitis. „Jedes Fürstenhaus hatte sein Labor“, sagt Wunderlich. „Wer was auf sich hielt, machte Alchemie. So wie man heute Golf spielt.“

Transmutiertes Gold? Diese „Arbeitsprobe“ eines Goldmachers besteht im Inneren aus Kupfer. Der Mann wurde 1709 hingerichtet.

Wobei nicht selten die erhofften wirtschaftlichen Folgen der Goldmacherei im Vordergrund standen, insbesondere nach dem ruinösen Dreißigjährigen Krieg und dann zu den Zeiten, als der höfische Glanz Ludwigs XIV. von Frankreich das Repräsentationsbedürfnis auch mancher kleiner und kleinster Fürstentümer ins Manische steigerte. Zahlreich die Fälle, in denen goldgierige Landesherren betrügerischen Alchemisten auf den Leim gingen. August und Anna allerdings scheinen Alchemisten aus Leidenschaft gewesen zu sein. „Die hatten beide das gleiche Hobby“, sagt Wunderlich. „Wobei sie sich das gendermäßig aufgeteilt haben: Anna destillierte Kräuterchen und machte Medizin, während der Kurfürst eher an heißer Alchemie und am Goldmachen interessiert war.“ Da Anna mit ihren Pharmazeutika auch handelte, könnte die Wittenberger Produktionsstätte für paracelsische Chemiatrika also auch auf sie zurückgehen.

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