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Alchemie : Bis die Retorte platzt

Die Blüte der abendländischen Alchemie begann in der Renaissance. Damals begehrte vor allem ein gewisser Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 bis 1541), gegen die Autorität Galens und seiner persischen und arabischen Nachfolger auf wie etwas später Galilei gegen Aristoteles. Ohnehin hatte sich der Zeitgeist wieder neoplatonischem Gedankengut zugewandt, in dessen Rahmen das hermetische Makrokosmos-Mikrokosmos-Konzept plausibler erscheint als im Aristotelismus. Zugleich aber verlagerte der promovierte Arzt Paracelsus den Schwerpunkt der Suche nach dem Stein der Weisen von der Metallurgie zur Medizin. Aufgabe des Alchemisten war für Paracelsus vor allem das Auffinden neuer, in der Natur nicht vorhandener Medikamente. Neben die traditionelle Kräuter-Pharmakologie stellte er eine eher mineralische „Chemiatrie“.

Paracelsus und das Antimon

Genau darum, um die Gewinnung anorganischer Arzneien nach Paracelsus, dürfte es in dem Wittenberger Labor vor allem gegangen sein. Selbst das hier gebrannte Vitriolöl könnte für medizinische Zwecke bestimmt gewesen sein. „Paracelsus empfiehlt das gegen Epilepsie“, erklärt Christian-Heinrich Wunderlich. „Ein paar Tropfen Schwefelsäure in einem Glas Wein, das löst dann alles Mögliche.“

Mit Sicherheit hatte die Wittenberger Antimon-Alchemie einen pharmakologischen Hintergrund. „Das ganze Mittelalter hindurch hatte Antimon keine Rolle gespielt, weder metallurgisch noch sonst. Dann finden Anfang des 16. Jahrhunderts Goldschmiede heraus, dass es eine wunderbare Eigenschaft hat: Man kann Gold damit reinigen.“ Denn beim Zusammenschmelzen sulfidischen Antimonerzes mit silberhaltigem Gold bilden sich Silbersulfid und eine Gold-Antimon-Legierung, aus der sich das reine Gold erhalten lässt, indem man das unedle Halbmetall im Feuer oxidiert. Das brachte Paracelsus auf die Idee: Wenn Antimon Gold zu reinigen vermag, die perfekteste aller Substanzen, dann sollte es gemäß dem alchemistischen Grundsatz der Entsprechung von Makro- und Mikrokosmos auch in der Lage sein, den Körper von Krankheiten zu reinigen.

Kotzen, Kacken, Schwitzen

Daher waren Antimonverbindungen in der Chemiatrie des Paracelsus und seiner Nachfolger von besonderer Bedeutung, wobei das natürlich vorkommend Sulfid erst einmal in Formen überführt werden musste, in denen das Antimon, wie man heute sagen würde, bioverfügbar ist. Die Wirkung paracelsischer Antimonpräparate war dann wie beim Gold tatsächlich - aus moderner Sicht zufällig - die einer Reinigung. „Das Prinzip war 'vomere, cacare, sudare‘“, sagt Wunderlich. „Da geht es durch alle Körperöffnungen raus.“ Gibt man beispielsweise etwas Flores antimonii oder Vitrum antimonii in einen Becher Wein, bildet sich mit der darin enthaltenen Weinsäure eine Antimon-Komplexverbindung, die nicht zufällig „Brechweinstein“ heißt und die noch bis ins 20. Jahrhundert hinein zur raschen Magenentleerung verabreicht wurde.

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