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Alchemie : Bis die Retorte platzt

Natürlich, darum ging es ihnen auch. Doch Alchemie war einerseits mehr als Goldmacherei. Zugleich war sie aber auch keine bloße Protochemie, die einfach nur falschen Naturtheorien anhing. Falsche Vorstellungen von dere Welt der Substanzen gab es auch in der Chemie, etwa die im späten 17. Jahrhundert aufgekommene Phlogiston-Theorie, die Verbrennung als Entweichen einer hypothetischen Substanz, eben des Phlogistons, interpretierte. Das war aber trotzdem bereits Chemie und keine Alchemie, denn hier suchte man schlicht ein vorhandenes Phänomen zu erklären. Alchemie dagegen zielte stets auf etwas, das außerhalb der beobachteten Erscheinungen lag: den Stein der Weisen - aber auch die Vervollkommnung des Alchemisten selbst, wenn nicht sogar letzte Weltweisheit.

Die hermetische Kunst

Dies hat mit dem Ursprung der Alchemie zu tun. Anders als die vorneuzeitliche Vorstellung vor Astronomie oder Physik, die zentral auf die griechische Antike zurückgehen, insbesondere auf die Naturphilosophie des Aristoteles, entstand die Alchemie aus der Begegnung zweier Kulturen: einmal der des alten Ägyptens, in der Handwerker, oft im Dienst der großen Tempel, raffinierte und üblicherweise geheime Verfahren entwickelten, um teure Materialien wie Gold oder Purpur optisch nachzuahmen. Die Idee der Transmutation hat hier ihren Ursprung. Dies mischte sich nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen mit griechischen Vorstellungen. Aber eben nicht nur mit rationalen Naturtheorien wie der von den vier Elementen oder dem medizinischen Ideengebäude der hippokratischen Texte und des Galen von Pergamon. Vielmehr fanden hier auch griechische Mysterienkulte Gemeinsamkeiten mit der Geheimniskrämerei der ägyptischen Tempelhandwerker.

Der Ouroboros (“Schwanzverzehrer“) ist ein noch aus Ägypten stammendes Symbol für die Einheit von allem, insbesondere von Makro- und Mikrokosmos. Hier auf der spätmittelalterlichen Kopie eines alchemistischen Traktats aus dem 7. Jahrhundert.

Tatsächlich zeugt schon das Wort von der multikulturellen Abkunft des Phänomens Alchemie. Denkt man sich den arabischen Artikel al weg, könnte der Rest entweder vom griechischen chéein für gießen (nämlich geschmolzenes Metall) kommen - oder von „kemet“, dem altägyptischen Namen für das Land am Nil. Ob also „Gießkunst“ oder „ägyptische Kunst“ - um die Zeitenwende entstanden in Ägypten griechische Texte, die einem mythischen Autor namens Hermes Trismegistos zugeschrieben wurden und die in allegorischer Terminologie von geheimem, eben „hermetischem“ Wissen raunten, von dem es hieß, es befähige den Adepten zur Umwandlung der Stoffe wie zur eigenen Vervollkommnung. Denn der Mensch und der stoffliche Mikrokosmos seines Körpers hätten ihre Entsprechung im Makrokosmos.

Die Alchemie geht nach Westen

Arabische Autoren setzten diese Tradition fort, und als der lateinische Westen, der in der Völkerwanderungszeit das Griechisch verlernt hatte, dank arabisch-persischer Vermittlung im 13. Jahrhundert Aristoteles wiederentdeckte, kam auch die Alchemie nach Westeuropa, zunächst noch in Verbindung mit einer arabisch angereicherten Galenschen Medizin. Doch nicht jeder, der damals über die Natur des Stofflichen nachdachte und das dann als Alchemie bezeichnete, hing auch den typischen alchemistischen Vorstellungen an. Der heilige Albertus Magnus etwa, der bedeutendste und vielseitigste Gelehrte seiner Zeit, hielt Transmutation für unmöglich, obgleich sie mit der aristotelischen Elementelehre ohne weiteres vereinbar ist.

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