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Alchemie : Bis die Retorte platzt

So ist eines der faltig verformten Retortenfragmente innen mit einer rötlichen Kruste überzogen. „Hämatit“, erklärt Wunderlich. „Der Überrest einer Schwefelsäureherstellung. Da hat man Eisenvitriol - chemisch Eisen(II)sulfat - erst geröstet und dann in der Retorte auf 800 Grad gebracht. Dabei entstand dann Schwefeltrioxid.“ Dieses entwich und reagierte mit Feuchtigkeit zu rauchender Schwefelsäure, einer öligen, stark ätzenden Flüssigkeit, die in der technischen Chemie noch heute „Oleum“ heißt, nach der alten alchemistischen Bezeichnung dafür: Oleum vitrioli, Vitriolöl.

Salpetersäure und Quecksilbersalz

Auch hochkonzentrierte Salpetersäure, Aqua fortis, dürfte in Wittenberg hergestellt worden sein, wahrscheinlich durch das Erhitzen von Eisenvitriol mit Salpeter. Das schließt Wunderlich aus Hämatit in einigen Cucurbiten. Die eigneten sich nicht zum Brennen von Vitriolöl, sondern dienten im Verbund mit Alembiks zur Destillation leichter flüchtiger Substanzen. Ein anderer Kürbiskolben enthielt dagegen Quecksilber(I)chlorid, Mercurius dulcis auf Alchemistisch. Das war aber wohl nur ein Nebenprodukt der Produktion von Quecksilber(II)chlorid alias Mercurius sublimatus. Dieses wiederum wurde benötigt, wenn der Alchemist aus dem Mineral Grauspießglanz Antimonöl herstellen wollte, eine weiche, ätzende Masse, welche die moderne Chemie Antimontrichlorid nennt. Auch Spuren dieses Prozesses fand Wunderlich in einem Wittenberger Kolben.

Antimon, das chemisch dem Arsen ähnelt, scheint hier überhaupt eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Das zeigen bereits ein Brocken Antimonerz sowie Schmelzkuchen aus Antimonsulfid, die in der Altglasgrube ebenfalls gefunden wurden. Eines der Ziele der Wittenberger Laboranten muss nach Wunderlichs Erkenntnissen die Herstellung von Antimonoxid gewesen sein. Dieses wurde entweder durch Glühen des Sulfids gewonnen, wie Reste in einigen Tiegeln bezeugen. Das ergab dann Vitrum antimonii, ein glasiges Oxisulfid von je nach verbliebenem Schwefelgehalt roter bis gelber Farbe. Oder man erhitzte das zerstoßene Sulfid mit Salpeter, ein Prozess mit ähnlichen pyrotechnischen Qualitäten wie das Entzünden von Schwarzpulver. Eine zerbrochene Steingutretorte zeigt, dass solche kontrollierten Verpuffungen auch in Wittenberg durchgeführt wurden. In ihrem Hals fand sich ein Belag aus weißem Flores antimonii, vulgo Antimon(III)oxid.

Gifte für Goldmacher?

Doch wozu wurden im frühbarocken Wittenberg alle diese zum Teil hochgefährlichen Chemikalien hergestellt? Ging es den Alchemisten denn nicht um die Erzeugung des sagenhaften Steins der Weisen? Von dieser Substanz, die man sich dehnbar, trotzdem völlig feuerfest und auf jeden Fall knallrot vorstellte, sollten ja winzige Mengen reichen, um die Transmutation unedler Metalle in Silber und Gold zu bewirken.

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