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Lügendetektoren : Kann dieses Auge lügen?

  • -Aktualisiert am

Die Fenster der Seele bleiben von außen oft undurchsichtig. Bild: Mauritius Images

Jetzt sollen Maschinen auch noch solche Fragen beantworten. Die Hoffnungen in die Künstliche Intelligenz bringen den Lügendetektor zurück.

          7 Min.

          Im Jahr 2014 zeigte das britische Fernsehen eine Dokumentation über Mörder und Kidnapper. Einer von ihnen war Mitchell Quy, dessen Frau um 1998 herum verschwunden war. Seinerzeit hatte Quy in Interviews beteuert, wie glücklich er wäre, sie wiederzusehen – dabei hatte er sie ermordet. Die Dokumentarfilmer kramten die alten Aufnahmen heraus und analysierten sie mit einer an der Manchester Metropolitan University entwickelten Software. Gefüttert mit Quys aufgezeichneten Beteuerungen, leuchtet eine Anzeige des Programms rot auf: Lüge. Ebenso bei Aufnahmen einer Frau, die später überführt wurde, ihre Tochter entführt zu haben. James O’Shea, einer der Entwickler des Systems, versprach in dem Film: „Eines Tages wird es möglich sein, diese Technologie auf dem Smartphone zu haben. Man könnte das Gerät dann auf jemanden richten und sehen, ob die Person lügt oder nicht.“

          Dazu ist es bislang nicht gekommen. Allerdings wurde kürzlich in einem millionenschweren Projekt erforscht, ob solche Technik geeignet wäre, die Angaben von Menschen bei der Einreise nach Europa zu überprüfen. Anderswo arbeitet man an ähnlichen Systemen. Es scheint, als brächten die Hoffnungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz den Lügendetektor zurück. Doch war er nie wirklich weg.

          Polygraphen funktionieren nicht wirklich

          Wenn man umgangssprachlich vom Lügendetektor spricht, meint man meistens einen Polygraphen. Dieser Apparat beruht auf der Idee, physiologische Signale ließen Rückschlüsse über den geistigen Zustand eines Menschen zu. Im Falle des Lügners wäre das seine Nervosität, angezeigt durch Blutdruck, Puls, Atmung und den elektrischen Widerstand der Haut. In den Vereinigten Staaten erfreut sich die Annahme, derlei könne funktionieren, noch immer großer Beliebtheit. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg würden Bewerber um Jobs bei der CIA, dem FBI, der Drogenvollzugsbehörde und in Polizeirevieren vor der Einstellung an Polygraphen angeschlossen. Der britische „Guardian„ berichtet, seit der Erfindung des Geräts im Jahre 1921 habe ein Viertel aller amerikanischen Unternehmen Mitarbeiter solchen Tests unterzogen. Und laut dem Magazin „Wired“ werden in den Vereinigten Staaten immer noch 2,5 Millionen Polygraphen-Tests pro Jahr durchgeführt.

          Aus wissenschaftlicher Sicht ist das verwunderlich. 2003 bezeichnete die National Academy of Sciences die Qualität der meisten Studien zum Lügendetektor als mangelhaft. Wenn es um Tests gehe, bei denen spezifische Verbrechen untersucht würden, liefere der Polygraph zwar bessere Ergebnisse als einfaches Raten, jedoch seien sie von Perfektion weit entfernt. Über die Zuverlässigkeit bei Screenings, wie sie etwa Jobkandidaten durchlaufen, ließen sich nach Studienlage kaum Aussagen treffen. Bereits 1983 schrieb das Büro für Technikfolgenabschätzung des amerikanischen Kongresses, dass die Güte der Ergebnisse stark vom Befragten und vom Prüfern abhänge. Letzterer ist ein besonders kritisches Element. Er stellt die Fragen und interpretiert die aufgezeichneten Werte. Wenn überhaupt, dann ist er der eigentliche Lügendetektor. Das macht nicht zuletzt die Geschichte des CIA-Angestellten Aldrich Ames deutlich. Er arbeitete als Doppelagent für die Sowjetunion und Russland und überstand zwei Lügendetektor-Tests. Auf die Frage, wie er das geschafft habe, sagte er, dass ihm ein Lächeln und Freundlichkeit dem Prüfer gegenüber geholfen hätten.

          Trügerische Kurven: der Output eines Polygraphen

          Auch wegen solcher Schwächen suchen Forscher seit Jahrzehnten nach anderen Methoden, um Lügner zu entlarven. Eine Zeitlang lagen Gehirnscans im Trend. Heute richtet sich die Aufmerksamkeit auf Systeme, die Lügner vollautomatisch entlarven sollen. Sie verheißen Schnelligkeit, weshalb sie geeignet wären, Schmuggler, Terroristen oder illegale Migranten an Grenzübergängen auffliegen zu lassen. Und sie haben den Anschein der Objektivität – schließlich machen sie den menschlichen Prüfer unnötig.

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