https://www.faz.net/-gwz-9romr

Lügendetektoren : Kann dieses Auge lügen?

  • -Aktualisiert am

Ein solches automatisches System ist EyeDetect der amerikanischen Firma Converus. Seine Entwickler gehen davon aus, es sei geistig anstrengender, zu lügen als die Wahrheit zu sagen. Diese Anstrengung soll in den Augen des Lügners sichtbar werden. Wer mit dem System getestet wird, muss Sätze von einem Bildschirm ablesen. Darunter sind Aussagen, die mit einer konkreten Tat oder generellem Fehlverhalten zu tun haben. „Eine solche Aussage kann sein: ,Ich habe im letzten Jahr Geld oder anderes von meiner Firma gestohlen‘“, erklärt der Chef von Converus, Todd Mickelsen. Die Testperson muss die Aussagen über eine Computertastatur als wahr oder falsch kennzeichnen. Infrarotkameras zeichnen ihre Augenbewegungen und die Größe der Pupillen auf. Ein Algorithmus berechnet daraus einen „Glaubwürdigkeitswert“ zwischen null und 100. Alles über 50 gilt als glaubwürdig. Darunter kann man eine Aussage als Lüge verbuchen.

Wieder sind falsch-Positive das Problem

Die Trefferquote soll zwischen 85 und 90 Prozent liegen. Das bedeutet, das System stuft mindestens zehn von 100 ehrlichen Menschen bei manchen Aussagen als Lügner ein, was für den Einzelnen natürlich unangenehme Folgen haben kann, denn Unternehmen nutzen das System unter anderem, um Jobkandidaten zu überprüfen. Zu den Kunden zählten außerdem Gefängnisse, Ermittler, Staatsanwälte und staatliche Behörden. Über 500 solcher Anwender gebe es in 42 Ländern. Einige davon befinden sich in Europa. So befragt etwa eine spanische Kette von Autowerkstätten ihre Mechaniker mit Hilfe des Programms, ob sie unnötige Reparaturen vornehmen. Die Kunden sollen Converus auch dabei helfen, den Algorithmus zu verbessern. Die Augendaten werden nicht lokal beim Anwender verarbeitet, sondern auf einem Server des Unternehmens. Manche Kunden schicken zusätzliche Informationen mit, wie etwa das Alter der Testpersonen. Mittels maschinellem Lernen analysiert das Unternehmen diese Daten, um etwa Unterschiede zwischen jungen und alten Augen zu erkennen. „Auf lange Sicht“, sagt Todd Mickelsen, „können wir das nutzen, um bessere Ergebnisse zu bekommen.“

Das System braucht aber immer noch spezielle Hardware. Eine einfachere Lösung wurde kürzlich im Rahmen des von der EU-Kommission mit 4,5 Millionen Euro geförderten Projekts iBorderCtrl erforscht. Es handelt sich um ein automatisches Grenzschutzsystem. Erprobt wurde es in einer Testphase, die bis August 2019 andauerte. Wer von außerhalb der EU nach Ungarn, Griechenland oder Lettland einreisen wollte, konnte sich vorab online über das System registrieren. Die Reisenden mussten dabei vor einem Webcam oder dem Smartphone einem computergenerierten Grenzbeamten gegenüber die Gründe für ihre Reise darlegen. Aus allerhand Daten berechnete ein Algorithmus dann einen „Risikowert“ für jeden Reisenden. Von dem Wert hing wiederum ab, ob die Grenzbehörden sich die Person für weitere Untersuchungen rauspicken. Ein Lügendetektor war auch Teil des Systems. Er sollte allein mit den Videoaufnahmen aus der Vorabregistrierung funktionieren.

Aussagekräftige Studien wären jetzt schön

Die Koordinatoren des Projekt haben auf mehrere Anfragen dieser Zeitung nicht geantwortet, die genaue Berechnung des Risikowerts bleibt somit ihr Geheimnis. Bekannt ist zumindest, dass im Kern des Lügendetektors der gleiche Algorithmus steckt, der auch in der britischen Fernsehdokumentation zum Einsatz kam. Sein Entwickler James O’Shea vermarktet ihn mittlerweile über das Unternehmen Silent Talker. Über den damaligen Einsatz im Fernsehen möchte er nicht sprechen „Wir wollen unsere Errungenschaften nicht trivialisieren“, sagt er. Sein Unternehmen ist nicht an dem Forschungsprojekt beteiligt, sondern stellt nur den Algorithmus. Der analysiert in den Videos ungefähr 40 sogenannte „Mikro-Gesten“. „Das kann eine Bewegung des Augenlids von offen zu halboffen sein“, erklärt O’Shea. Es könne sich aber auch um andere Kopf- oder Augenbewegungen handeln. Mittels Aufnahmen verschiedener Menschen habe man dem System beigebracht, in diesen Bewegungen Hinweise auf Lügen zu erkennen. Die Trefferquote beträgt nach Angaben der Firma derzeit etwa 80 Prozent.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.