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Soziale Systeme : Ein Elite-Basis-Konflikt

  • -Aktualisiert am

Das Beobachten von Tagfaltern (Hier ein Landkärtchen-Schmetterling) ist machen Vordenkern der Bürgerwissenschaft noch viel zu wenig. Bild: ddp

„Citizen Science“ nennt sich die Forschung „von unten“, die Wissenschaft der Amateure. Vom Sinn und Unsinn dieser sogenannten Bürgerwissenschaft.

          Seit zehn Jahren findet in Deutschland das Tagfalter-Monitoring statt: In den Sommermonaten folgen 500 Freiwillige einmal in der Woche festgelegten Beobachtungspfaden und halten fest, welche Schmetterlingsarten sie sehen und wie viele Exemplare davon. Ihre Daten werden zentral erfasst und für Forschungsarbeiten verwendet, die sich zum Beispiel mit dem Zusammenhang von Klimaveränderungen und Artenschwund befassen.

          Wie nun die Rolle solcher Amateurforscher zu interpretieren sei, wird derzeit heiß diskutiert. Neu ist das Phänomen aber nicht, noch vor wenigen hundert Jahren war Wissenschaft meist Ehrenamt. Das heißt nicht, dass es sinnvoll ist, Gregor Mendel (1822 bis 1884) zum Pionier der Bürgerwissenschaft zu erklären. Aber das Beispiel des Augustinerpaters Mendel veranschaulicht, dass Forschungsarbeit nicht an eine Berufsrolle gebunden ist. Zugleich kann man an der Geschichte den Aspekt hervorheben, dass es fast fünfzig Jahre dauern sollte, bis die Erkenntnisse des Mönchs ihre Wirkung entfalten konnten.

          “Citizen Science“ klingt toll.

          Seit Mendels Zeiten gibt es immer mehr professionelle Forscher, die Jahre an Universitäten studiert haben, um ihre Leidenschaft als Beruf ausüben zu können. Sie bevölkern Labore und Institute, die gerade an einem „Tag der offenen Tür“ deutlich werden lassen, dass anders als im Schauspielhaus oder in der Arztpraxis an allen anderen Tagen der Betrieb ganz gut ohne Publikum läuft. Diese soziale Schließung wird seit geraumer Zeit jedoch als Problem gesehen: für die Legitimation der Wissenschaft und die Akzeptanz ihrer Erkenntnisse und Produkte in der Gesellschaft.

          Auffallend an der aktuellen Debatte um „Bürger, die Wissen schaffen“ (so der Slogan einer neuen Plattform des Bundesministeriums für Bildung und Forschung), ist die Politisierung der Amateure als „Bürger“ und die „Verbürgerwissenschaftlichung“ jedwedes Engagements, vom Falter-Monitoring bis zu Stuttgart 21. Begonnen hatte das in den 1990er Jahren mit dem Etikett „Citizen Science“.

          „Selbstorganisiert“ klingt noch besser.

          Nachdem verschiedene Moden der Wissenschaftskommunikation die Öffentlichkeit – insbesondere den potentiellen Nachwuchs – mit Information und Unterhaltung zu gewinnen suchten, stellt sich die Citizen Science ihre Öffentlichkeit heute als Wissensbürger vor, die einer „emanzipatorischen, aufklärerischen Kraft“ in der Wissenschaft Raum geben. So sieht es jedenfalls der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke in einer unlängst erschienenen Publikation. Er zeichnet das Verhältnis von akademischer Wissenschaft und Bürgerwissenschaft als Elite-Basis-Konflikt: Erstere sei durch Machtkämpfe und ihr „institutionelles Korsett“ gelähmt, während Letztere, an Problemen des Alltags orientiert, lokal und interessegeleitet forsche. Laut Finke sollten sich Bürger aber nicht in erster Linie durch das Zählen von Schmetterlingen nützlich machen („Citizen Science light“), sondern eigenständig und selbstorganisiert echte Bürgerwissenschaft („Citizen Science proper“) betreiben.

          Bei aller berechtigten, wenngleich bekannten Kritik am Wissenschaftsbetrieb erweist Peter Finke mit seiner schlichten Gegenüberstellung von „Profis“ und „freien Bürgern“ der Debatte einen Bärendienst. Denn zum einen zeugen Beispiele wie das Tagfalter-Monitoring von einer eingespielten Zusammenarbeit zwischen Berufs- und Freizeitforschern. Zum anderen scheint es von „Citizen Science proper“ so wenig zu geben, dass die immer gleichen Beispiele aufgeführt werden oder der Begriff dermaßen entleert wird, dass auch die Tätigkeit der bürgerlichen Hausfrau als „spezifisch weibliche Form von Citizen Science“ aufgefasst werden kann und der Internetnutzer, dessen Daten von Google ausgewertet werden, schon zum Bürgerwissenschaftler wird.

          Citizen Science ist ein Beispiel dafür, was der Soziologe Jürgen Gerhards den „Aufstand des Publikums“ genannt hat. Gesellschaftstheoretisch informiert, beschrieb er ebensolche Aufstände gegen Professionalität in der Medizin, im Recht, im Bildungswesen und in der Politik. Gerhards weist darauf hin, dass solche Aufstände sich typischerweise gegen das jeweilige Establishment wenden, nur um sich im Erfolgsfall selbst zu etablieren. Dementsprechend steht Finkes Perspektive vor dem Problem, dass sich Citizen Science nicht institutionell fördern lässt, ohne sie ad absurdum zu führen. Außerdem besteht durch das Politisieren die Gefahr, all diejenigen zu verärgern, die seit Jahrzehnten ehrenamtlich und mit der Passion eines Wissenschaftlers ihre Freizeit damit verbringen, Galaxien, Tagfalter oder gar Pinguine auf Fotoaufnahmen im Internet zu zählen.

          Literatur

          Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, Oekom Verlag, 2014; Jürgen Gerhards: Der Aufstand des Publikums. Eine systemtheoretische Interpretation des Kulturwandels in Deutschland zwischen 1960 und 1989; Zeitschrift für Soziologie 30: 163-184; 2001.

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