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Gesundheitsforschung : Es knirscht noch im Gebälk

Im neu eingerichteten Werk in Marburg prüft ein Mitarbeiter von Biontech die Impfstoffproduktion. Bild: dpa

Trotz mRNA-Impfstoffen, Gen-Schere und Big Data: Die Fortschritte durch Gesundheitsforschung sind noch längst keine Selbstläufer.

          5 Min.

          Der Tag für die „Breakthroughs“, die prominentesten der wissenschaftlichen Durchbrüche, begann mit stehenden Ovationen. Sonderapplaus für die Mainzer Medizinerin und Forscherin Özlem Türeci. Darin kam offenbar nicht nur ihr Mitwirken als Mitgründerin von BioNTech zum Ausdruck und damit die Verneigung des Pu­blikums vor dem historischen Durchbruch, der mit der Zulassung des ersten mRNA-Impfstoffs in der Covid-19-Pandemie verbunden ist. Es war auch viel Dankbarkeit zu spüren. Ihr Impfstoff hat die Welt verändert, mutmaßlich schon jetzt Millionen Menschenleben gerettet. Türeci und ihr Ehemann und Partner bei BioNTech, der Immunologe Ugur Sahin, waren die Leuchttürme in einer illustren Reihe von Gesundheits- und Sozialforschern, die den Lebensbezug wissenschaftlicher Exzellenz auf der Falling- Walls-Konferenz besonders greifbar machten.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So einfach jedoch, wie das auf den ersten Blick klingt – Wissenschaft kann heilen –, ist es eben auch in der schon vielfach automatisierten Medizinforschung nicht. Gesundheit ist jedem wichtig, aber wissenschaftlich ist es noch immer kein Vorläufer. Türeci hat es auf den Punkt gebracht: „Um Mauern niederzureißen, muss man vorbereitet sein.“ Die lange Reise des BioNTech-Paares auf dem Weg zum mRNA-Erfolg begann in den frühen Neunzigerjahren mit der Entwicklung von Krebsimpfstoffen. Die Idee war, maßgeschneiderte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Tumortherapien zu entwickeln. Man gewinnt die genetischen Daten des Tumors, konstruiert einen Impfstoff, der die entsprechende Information in der biochemischen Kopie – der mRNA – enthält, und sorgt dafür, dass diese genetisch programmierte Information in den Körper des Patienten gelangt, wo der daraus erzeugte Krebsbaustein das Immunsystem zur Gegenwehr stimuliert.

          Ein genialer Plan, in der Theorie. Programmierbare Werkzeuge, die quasi die Selbstheilung einleiten. Das Problem: mRNA, die kleine Schwester und Kundschafterin des entscheidenden Gens mit der Bauanleitung, wird ungeschützt im Körper so schnell abgebaut, dass sie kaum wirkt. Türeci schilderte eindringlich, wie viele Hürden, Mauern gewissermaßen, zu überwinden waren, bis das Konzept für klinische Versuche reif war. „Molekulares Engineering“, die genetische Optimierung durch chemisches Design, war die Hauptaufgabe für viele Jahre. Zuerst ging es darum, die Menge des in der mRNA programmierten Proteins tausendfach zu steigern, dann kam der „Bodyhack“: Es musste sichergestellt werden, dass das nun vor dem Abbau geschützte Protein in die richtigen Zellen zum richtigen Ort gelangt. Solche sogenannten dendritischen Zellen warten in den Lymphknoten auf ihren Einsatz. Schließlich ging es darum, den Impfstoff zu beschleunigen und hochzuskalieren. Vor sieben Jahren brauchte es für die Herstellung der für eine mRNA-Krebsimmuntherapie benötigten Vakzinmenge drei bis fünf Monate, fünf Jahre später waren es knapp drei bis fünf Wochen.

          Aufklärung muss besser werden

          Fast zwei Generationen hatte es also gedauert, bis aus der Idee der Krebsimmuntherapie mit mRNA ein Konzept wurde, das nun nicht nur klinisch – wenn auch noch experimentell – einsetzbar schien, sondern sogar als allgemeines neues Impfprinzip Anerkennung fand. Der Durchbruch freilich kam nicht in der Tumorforschung, sondern mit dem globalen Unglück der SARS-CoV-2-Pandemie. Türeci war die Schilderung dieses steinigen wissenschaftlichen Werdegangs wichtig, weil ihr wichtig war, was in vielen Falling-Walls-Debatten um medizinische Fortschritte immer wieder zur Sprache kam: Durchbrüche sind selten exakt planbar, aber vor allem kommen sie fast nie über Nacht. Im Gegenteil: Gerade in der Gesundheitsforschung gilt es, „wissenschaftliche Ökosysteme“ zu bilden, in denen das Ausbrüten der guten Ideen erst gedeihen kann. Gemeint sind Netzwerke, die auch über das eigentliche Fachgebiet – hier die Immunologie – hinaus bei der Lösung des Problems helfen können.

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