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Bluttest für Krebstherapien : Immunabwehr in der Erfolgsspur

Bluttest im Krebs-Prüfzentrum eines Klinikums. Bild: dpa

Impfstoffe im Einsatz gegen Krebs: Fortschritte sind inzwischen unverkennbar, doch nicht alle können davon profitieren. Ein Bluttest aus Tübingen soll die Erfolgsaussichten verbessern.

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          Wer sich nicht zu den radikalen Impfgegnern zählt, kann in der Pandemie erkennen – und am eigenen Leib erleben –, wie mächtig und wertvoll unser Immunsystem ist: Geschaffen von der Natur und mit dem richtigen Werkzeug in der Hand ein durchaus scharfes Schwert in den Händen der Medizin. In der Corona-Pandemie ist der mRNA-Impfstoff das Werkzeug, das die Immunzellen gezielt gegen die Viren mobilisiert. Gut verpackte genetische Information, programmiert in mRNA-Schnipseln, bringt die Immunzellen in Anschlag: B-Zellen erzeugen maßgeschneiderte Antikörper, T-Zellen attackieren die von Viren befallenen Körperzellen. Molekulare Information im Dienste der Körperabwehr, Hilfe zur Selbsthilfe.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein Konzept, dem auch im Kampf gegen den Krebs eine große Zukunft vorausgesagt wird. Biontech, die Mainzer Firma des Forscherehepaares Özlem Türeci und Ugur Sahin, die in kürzester Zeit einen der erfolgreichen Covid-19-Impfstoffe entwickelt haben, feierte kürzlich Richtfest: Die weltweit erste Anlage für die Herstellung individualisierter Produkte für die Krebs-Immuntherapie soll in zwei Jahren in Betrieb gehen: Jährlich zehntausend Chargen mit mRNA-Krebsimpfstoffen sollen zur maßgeschneiderten Behandlung von Tumoren und gegen das Wiederaufflammen der Krankheit ausgeliefert werden. Jede mRNA enthält einen kleinen genetischen Fingerabdruck des jeweiligen Krebspatienten. Im Sommer war der erste Hautkrebspatient im fortgeschrittenen Stadium mit „BNT111“ behandelt worden, in der zweiten Novemberhälfte wurde der immer noch experimentelle Krebsimpfstoff in das beschleunigte „Fast Track“-Zulassungsverfahren der amerikanischen Genehmigungsbehörde FDA aufgenommen.

          Indikator für Erfolgsaussichten von Immuntherapien

          Ein Selbstläufer sind die Krebsimpfstoffe deswegen aber keineswegs. Bei anderen, in manchen Kliniken schon routinemäßig eingesetzten Therapien, bei denen versucht wird, das Immunsystem gegen den Krebs zu mobilisieren, lässt sich das leicht nachvollziehen. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren, die etwa die Lungenkrebs-Therapie schlagartig vorangebracht haben, funktionieren nur in einem von fünf Fällen. Ob die Therapie gelingt oder nicht, hängt oft von einem Molekül – PD-L1 – ab, das die Tumorzelle nutzt, um einen der komplexen Signalwege in der Immunabwehr zu unterbrechen.

          Der Krebs hemmt so die Immunantwort, er unterbindet die Mithilfe von T-Zellen, die eigentlich die Tumorzellen attackieren könnten. Die Antwort der Biomediziner darauf sind künstliche Antikörper, „Checkpoint-Hemmer“, die das PD-L1-Molekül neutralisieren und damit die Sabotage der Immunantwort verhindern sollen. Beides zusammen, der Krebsimpfstoff, der die Immunantwort auslöst, sowie der Antikörper, der die Immunsabotage durch die Tumorzellen verhindert, steckt in dem von Biontech entwickelten Medikament, das in der derzeit laufenden klinischen Phase 2 an mehr als hundert Hautkrebs-Patienten getestet wird.

          Am Universitätsklinikum Tübingen haben nun Onkologen um Clemens Hinterleitner und Lars Zender einen Weg gefunden, die Erfolgsaussichten für eine Immuntherapie mit den Checkpoint-Hemmern vorherzusagen – und damit in vielen Fällen die bei Immuntherapien zuweilen erheblichen Nebenwirkungen zu verhindern. Die Tübinger Mediziner haben bei Lungenkrebspatienten erkannt, dass die PD-L1-Moleküle von den Blutplättchen aufgenommen werden, die mit dem Blut durch das Tumorgewebe strömen. Mit einem einfachen Test kann so die Menge an PD-L1 im Blut ermittelt werden.

          Wie sie im Journal „Nature Communications“ berichten, ist dieser individuelle Wert ein idealer Indikator dafür, ob die gewünschte Immunreaktion mit den Checkpoint-Hemmern anschlägt – und die Behandlung damit wirklich sinnvoll ist. Der Bluttest könnte schon bald die bisher nötigen, aber unsichereren Gewebeentnahmen aus Teilen des Tumors vor der Behandlung ablösen. Und er liefert ein schönes Beispiel, wie viel Detailarbeit tatsächlich nötig ist, um das Naturwunder Immunsystem erfolgversprechend in den Dienst unserer Gesundheit zu stellen.

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