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Boom der Design-Antikörper : Tumor im Würgegriff

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Eine fast dreitausendfach vergrößerte und nachträglich eingefärbte Tumorzelle, die von vier zytotoxischen T-Zellen attackiert wird Bild: SPL

Antikörper sind die zielgerichteten Waffen des Immunsystems im Kampf gegen Viren – und immer mehr auch in der Krebsmedizin. Dabei hilft es, dass sich die Naturmoleküle künstlich hochrüsten lassen und die Waffensysteme vernetzen können.

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          Ein Antikörper, zwei Angriffspunkte – mit diesem Slogan lässt sich das Konzept hinter einer Wirkstoffklasse beschreiben, die wegen ihres enormen medizinischen Potentials eine regelrechte Goldgräberstimmung in den Chefetagen der pharmazeutischen Industrie ausgelöst hat: die bispezifischen Antikörper. Antikörper gehören zum Immunsystem und binden mit den beiden Armen ihrer Y-förmigen Struktur an ein Zielmolekül, das sogenannte Antigen. Anders als die natürlichen Antikörper, die immer nur ein einziges Antigen erkennen und damit monospezifisch sind, erkennen die im Labor erzeugten bispezifischen Antikörper zwei Antigene und können damit auch zwei Aufgaben erfüllen. Die kluge Wahl dieser Antigene – und das ist der Grund für die neue Euphorie – eröffnet therapeutische Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was man von der reinen Kombination zweier Antigen-Bindungsstellen in einem einzigen Molekül erwarten kann. Das Spektrum reicht von der Mobilisierung des Immunsystems über die doppelte Blockade von Stoffwechselwegen bis hin zur Vernetzung von Rezeptoren oder anderen Biomolekülen. Im Kampf gegen Coronaviren, aber vor allem in der Krebsmedizin sind die Erwartungen jedenfalls hoch.

          Dort besteht die aktuelle Paraderolle der bispezifischen Antikörper darin, Immunzellen mit Killerfunktion – so­genannte zytotoxische T-Zellen – in die unmittelbare Nähe der Tumorzellen zu schaffen. Dafür nehmen die bispezi­fischen Antikörper über eine Antigen-Bindungsstelle Kontakt zu den Killerzellen auf, über die andere Bindungsstelle zu den Tumorzellen. Seite an ­Seite ins Schlepptau genommen, kommen sich beide Zellen derart nahe, dass die Killerzellen aktiviert werden und den Tumorzellen einen Todesstoß geben können. Damit funktionieren diese bispezifischen Antikörper ähnlich wie die sogenannte CAR-T-Zell-The­rapie, die ebenfalls seit Jahren für ­Aufmerksamkeit in der Krebsmedizin sorgt – wobei die bispezifischen Antikörper einige Pluspunkte für sich ver­buchen können.

          Bei der CAR-Therapie suchen die Killer-T-Zellen mit einem antikörperähnlichen Eiweiß nach den Tumorzellen, das allerdings zuerst auf ihrer Oberfläche installiert werden muss. Das geschieht im Labor und kostet Zeit. Die CAR-Therapie muss zudem für jeden Patienten maßgeschneidert werden und ist strikt reguliert. Ein bispezifischer Antikörper kann im Prinzip für jeden Patienten verwendet werden, der das entsprechende Antigen auf seinen Tumorzellen trägt, und wäre, falls geboten, sofort einsetzbar. CAR-Zellen sind zudem schwerer zu steuern, weil sie ein „lebendes Medikament“ sind und sich im Körper des Patienten vermehren. Bei Problemen können sie nicht einfach wieder an die Leine gelegt werden. Ein bispezifischer Antikörper verschwindet dagegen nach Stunden oder Tagen aus dem Blut. Trotzdem müssen sich auch bispezifische Antikörper zu benehmen wissen. Sie sind keine natürlichen Moleküle, sondern Designer-Moleküle aus dem Labor. Viele Kandidaten scheitern an den Nebenwirkungen.

          Modell eines Immunglobulin-G-Antikörpers.
          Modell eines Immunglobulin-G-Antikörpers. : Bild: Science Photo Library

          Der erste bispezifische Antikörper, der dem skizzierten Prinzip folgt, wurde 2009 zugelassen und 2017 wieder vom Markt genommen. 2014 wurde dann mit Blinatumomab ein zweiter auf diesem Therapieprinzip beruhender Antikörper zugelassen. Er wird bei Formen von Blutkrebs eingesetzt. Derzeit sind mehr als hundert verschiedene bispezifische Antikörper in der klinischen Entwicklung. Es gibt auch Bemühungen, nicht nur zytotoxische T-Zellen für eine Attacke auf das Immunsystem zu rekrutieren, sondern auch sogenannte NK-Zellen oder natürliche Killerzellen. Mit ihnen würde eine andere Ebene der Immunabwehr aktiviert werden.

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