https://www.faz.net/-gwz-842ft

Krebs-OP : Der Wächter wankt

  • -Aktualisiert am

Immunzellen im Lymphknoten einer Maus Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Auf dem weltgrößten Krebskongress in Chicago hebt eine deutsche Studie alte OP-Regeln aus den Angeln: Schont die Lymphknoten ist ihr Fazit. Ein Paradigmenwechsel bahnt sich an.

          2 Min.

          Lange Zeit war es selbstverständlich: Patienten mit bösartigem schwarzen Hautkrebs mussten sich einer kompletten operativen Entfernung der Lymphabflusswege unterziehen, wenn der so genannte Wächterlymphknoten von den Melanom-Krebszellen befallen war. Dieser Standard wankt, denn ein solches Vorgehen verbessert das Überleben nicht. Dieses ernüchternde Ergebnis liefert eine von der Deutschen Krebshilfe unterstützte Studie aus der deutschen dermatologischen Onkologiegruppe (DECOG). Ulrike Leiter von der Dermatologischen Universitätsklinik Tübingen hat sie soeben auf dem weltweit größten Krebskongress, der ASCO, in Chicago vorgestellt. Das ist nicht irgendeine Meldung unter vielen auf diesem Megameeting. Es könnte den Abgesang auf ein gängiges Vorgehen in der Onkologie bedeuten: Claus Garbe, Leiter der Sektion Dermatologische Onkologie an der Universitätshautklinik in Tübingen, sprach auf der begleitenden Pressekonferenz vom „Anfang vom Ende einer allgemeinen Empfehlung zur kompletten Lymphknotendissektion bei Patienten mit positiven Wächterlymphknoten.“

           Dicke arme und Beine

          Melanompatienten, in deren Wächterlymphknoten Krebszellen nachzuweisen sind, erleiden eher einen Rückfall nach der Krebsbehandlung oder es kommt eher zur Absiedelung von Tochtergeschwülsten, so die bisherige Theorie. Als Wächter- oder Sentinel-Lymphknoten bezeichnet man jene ersten Stationen der Lymphabflusswege, in die die Gewebsflüssigkeit aus der Krebsregion fließt. Deshalb gilt weltweit die Empfehlung, dass sich diese Patienten einer kompletten Lymphknotenentfernung unterziehen sollen. Dabei werden die Lymphozyten chirurgisch großräumig um den Tumor entfernt. Hierbei besteht nicht nur die Gefahr, dass sich das Operationsgebiet eher infiziert, es können auch Nerven beschädigt werden und vor allem entstehen Lymphödeme. Dann schwellen zum Beispiel Beine oder Arme, je nach Lage des Hautkrebses an, weil nach Entfernung der Lymphknoten und damit wegen Unterbrechung der Lymphbahnen die Gewebsflüssigkeit nicht mehr drainiert werden kann. Nach Aussage von Garbe können bei mehr als 20 Prozent der Patienten Lymphödeme auftreten, die bei fünf bis zehn Prozent sogar über eine lange Zeit fortbestehen.

          Wann werden die Leitlienien geändert?

          Die aktuellen Studienergebnisse der DECOG stellen den Nutzen dieser eingreifenden Behandlung nun entscheidend in Frage. Bei knapp 500 Patienten wurden nach der Operation die Lymphknoten untersucht und sie dann entweder (241) regelmäßig und äußerst sorgfältig beobachtet, oder es wurden zusätzlich die Lymphknoten entfernt (242); danach wurde ihr Schicksal im Mittel über 35 Monate verfolgt. Überleben und Rückfallhäufigkeit unterschieden sich nicht. Leiter hält daher die komplette Lymphknotenentfernung bei Melanompatienten mit kleinen Metastasen bereits jetzt schon nicht mehr für geboten. Für Makrometastasen soll jedoch das bisherige Vorgehen weiter Standard sein. Inzwischen wurde mit der MSLT-II-Studie eine größere Untersuchung initiiert, die diese Frage noch umfangreicher untersucht. Die Ergebnisse werden für das Jahr 2022 erwartet. Spätestens dann, so hieß es in Chicago, geht man davon aus, dass die gültigen Leitlinien zur Lymphknotenentfernung geändert werden.

          Weitere Themen

          Was für eine Wurzelei

          Ab in die Botanik : Was für eine Wurzelei

          Der Arm sah nicht gut aus, so grün, gelb, blauviolett schillernd. Aber einem Baum kann man eigentlich keinen Vorwurf machen, dass seine Wurzeln mitunter schmerzhafte Unfälle verursachen.

          Topmeldungen

          Die AfD-Fraktion im deutschen Bundestag berät sich nach der gescheiterten Wahl von Mariana Harder-Kühnel zur Bundestagsvizepräsidentin.

          Bundestagsarbeit : Die AfD macht nicht mit

          Früher einigten sich die Fraktionen im Bundestag auf eine Tagesordnung. Aber die AfD ist immer dagegen. Was tun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.