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Artensterben : Alarmstufe Rot

Fische am Great Barrier Reef: Die weltweite Rate des Artensterbens sei derzeit zehn- bis hundertmal höher als im Schnitt der vergangenen 10 Millionen Jahren, teilten die Vereinten Nationen mit. Bild: dpa

Das größte Massensterben in der Erdgeschichte beschleunigt sich dramatisch. Erkenntnisverweigerung ist der sicherste Weg in den Untergang. Jetzt muss der Mensch Verantwortung übernehmen.

          Es ist schon mal erlaubt, zusammenzuzucken, wenn man liest, was der von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltbiodiversitätsrat IPBES über das zwar längst bekannte, aber weitgehend unbeachtete Artensterben an Fakten zusammengetragen hat. Mit Zusammenzucken ist es aber nun nicht mehr getan. Zu viel ist zu viel. Einer Million Tier- und Pflanzenarten droht schon in den nächsten Jahrzehnten das Ende; auf drei Vierteln der Landoberfläche und in zwei Dritteln der Meere ist die Natur nicht mehr unbelastet. Praktisch überall beschleunigt sich der gewaltige ökologische Umbruch, der in seiner erdgeschichtlichen Dimension und auch in der Tragik für uns Menschen kaum zu fassen ist.

          Die Weltherrschaft der Spezies Mensch ist, um es einmal aus der Perspektive der Natur zu betrachten, nicht mehr auszuhalten. Natürlich muss sich die Politik jetzt fragen lassen, wie sie die Eskalation hat zulassen können. Über das mutmaßlich größte, jedenfalls schnellste Massensterben in der Erdgeschichte wird lange genug geklagt. Es gab auch nicht ein oder zwei, sondern viele Naturschutzkonferenzen, genauso wie es unfassbar viele Klimakonferenzen gab, die Ziele formuliert und sich vorgenommen hatten, den ökologischen Niedergang aufzuhalten. Die Wirkung geht, global gesehen, gegen null.

          Nach dem IPBES-Bericht wird sich jedenfalls kein vernünftiger Mensch mehr darauf zurückziehen können, dass es zu wenig oder bloß ungesichertes Wissen gebe. 15.000 Einzelstudien hat man ausgewertet und ausgedeutet; das alles, um sichtbar zu machen, was als schleichende Krise für die meisten praktisch unsichtbar bleibt, was aber in seiner Wirkung ähnlich wie der eng mit dem Artensterben verknüpfte Klimawandel alle unsere Nachkommen betreffen wird. Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch: Mehr Natur und faire Preise für Naturnutzung sind die wichtigsten.

          Und wie bei der Klimafrage gilt: Erkenntnisverweigerung ist der sicherste Weg in den Untergang. Deshalb heißt es jetzt aus sittlichen und aus Gründen der Selbsterhaltung, die Verantwortung ernst zu nehmen, die der Mensch als Kultur- und Verstandeswesen übernommen hat. Es gilt, was das Thema Umwelt generell in Parteien, Parlamenten und Protesten derzeit so groß macht: Die Zeit der Reden ist vorbei, es gibt eine Pflicht zum Handeln.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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