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Kommentar zu Schutzgebieten : Blub, blub, das Meer geht baden

Kutter mit Grundschleppnetz. Bild: dpa

Europas riesige Meeresschutzgebiete sind Feigenblätter. Schlimmer noch: wo Reservat drauf steht, steckt oft Industriefischerei drin. Ein geduldetes Staatsversagen.

          Wie viele der in Gesetzesform gegossenen Umweltziele in die internationale Kategorie „Fake“ fallen, kann man nur ahnen. Ein Ärgernis ist jeder einzelne dieser nichtsnutzigen Texte allemal. Sie geben vor, etwas zu regeln, wo jede Regel und jedes hehre Ziel ins tiefschwarze Loch der Wirklichkeit stürzt.

          Wer etwa wie die Deutschen, übrigens gleich welcher politischen Couleur, sich immer wieder zu Träumen hinreißen lässt, die ihm sein Land wie ein Paradies erscheinen lassen, in dem der Wald groß und die Natur reicher, sauberer, leiser und herzlicher ist als irgendwo sonst, der kann vom Gesetzgeber einiges erwarten – nur keine klare Kante. Nein, wir sind jetzt nicht beim Diesel und auch nicht beim Feinstaub. Viel trauriger noch als in der Luft ist der Gesetzesnotstand in unseren Meeren. 727 Meeresschutzgebiete zählt Europa. Wo immer sich irgendwo auf der Welt Minister für den Ausbau des Arten- und Naturschutzes treffen, was jedes Jahr gleich mehrfach vorkommt, rühmen sich die Europäer für ihr beispielloses Netz an Meeresreservaten. Und es stimmt: Rund ein Drittel der europäischen und sogar 45 Prozent der deutschen Meeresgewässer sind als Schutzgebiete ausgewiesen.

          Geringere Artenvielfalt in Reservaten

          Das liest sich gut und sieht auf der Karte auch gut aus. Doch natürlich gibt es so etwas wie ein Betretungsverbot im Meer nicht. Wie sollte das auch kontrolliert werden (ein Schelm, wer jetzt an Diesel-Fahrverbote denkt)? Doch was innerhalb der Schutzgebiete geschieht, soll dem Gesetz nach primär dem Erhalt der Artenvielfalt dienen – auch das Fischen, was in Grenzen durchaus gestattet ist. Ein deutsch-kanadisches Team von Fischereibiologen hat sich nun allerdings die Schiffstracking-Daten aller großen Fischtrawler angesehen, die automatisch erhoben werden, und für die Zeitschrift „Science“ ausgewertet. Ins Netz gegangen sind dabei freilich nur Brüsseler Papiertiger. Sechzig Prozent aller EU-Schutzgebiete nämlich werden mit den besonders fragwürdigen Grundschleppnetzen befischt, vielfach sogar deutlich intensiver als außerhalb der Schutzgebiete. Anders formuliert: Die Schutzgebietskarten werden von der Fischerei-Industrie offenbar wie Einladungsschreiben gelesen.

          Weniger als dreihundert der mehr als siebenhundert Reservate sind von der kommerziellen Fischerei verschont. Was logischerweise zur Folge hat, dass die Vielfalt an bedrohten Knorpelfischen, inklusive seltener Haie und Rochen, in den dafür „angelegten“ Schutzgebieten noch geringer ist – um bis zu 69 Prozent geringer – als in den eigentlichen Fischereigebieten. Artenschutz als Etikettenschwindel, das sind wir gewohnt; der japanische Walfang „zu Forschungszwecken“, der 2019 neu aufleben soll, ist das dafür beste Beispiel. Gesetze zum Schutz der Schöpfung aber, die sich selbst so schamlos entlarven, gehören endlich vor sich selbst geschützt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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