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Klug verdrahtet : Die Rote Liste aus dem Maschinenraum

Das globale Risiko, dass bestimmte Pflanzen und Arten vom Erdboden verschwinden, berechnet mit Hilfe künstlicher Intelligenz. Bild: Abbie Zimmer

Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Doch das globale Ausmaß des Dramas ist nur lückenhaft bekannt. Ein Risikomodell, erstellt mit Hilfe künstlicher Intelligenz, liefert jetzt ein realistischeres Bild vom Bestand der gefährdeten Pflanzen.

          Das Aussterben der Tier- und Pflanzenarten gehört zu den Krisen unserer analogen Welt, die allein mit digitalen Mitteln sicher nicht zu meistern ist. Allerdings können vernetzte Computer tatsächlich helfen (sie sind heute sogar unverzichtbar), besonders kritische Entwicklungen zu ermitteln und – im Hinblick auf die geographischen Schwerpunkte des Naturschutzes – die Lebensräume mit dem größten Schutzbedarf zu identifizieren. Seit Jahren sammeln Forscher die dazu nötigen Daten, doch ihre Ressourcen sind extrem begrenzt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Fast schon avantgardistisch mutet da an, was ein amerikanisches Team um Anahi Espindola von der University of Maryland und Tara Pelletier von der Radford University mit den Algorithmen einer lernenden Maschine entwickelt haben: ein Risikomodell, das die aktuelle Gefährdung von Pflanzen in jedem beliebigen Lebensraum – vom Regenwald bis zum Stadtpark – ermöglichen soll. Eine Art Rote Liste aus dem Maschinenraum gewissermaßen.

          Gefährdet sind mehr Arten als gedacht

          Tatsächlich ist die von der Weltnaturschutzunion regelmäßig aktualisierte Rote Liste für Pflanzen sehr lückenhaft: Von weniger als 6,5 Prozent der bekannten Landpflanzenarten kennt man den Gefährdungsstatus. Die Forscher haben nun einige der zuverlässigsten Sammlungs- und Gefährdungsdatenpools genutzt, um den Computer so zu trainieren, dass die aussagekräftigsten Risikoparameter (Verbreitung, Biologie und Temperaturanomalien) ermittelt wurden.

          Dieses Muster wurde auf gut 150.000 Arten angewandt und die Pflanzen in die fünf Gefährdungskategorien einsortiert. Regionen mit erheblichen (und erwarteten) Aussterberisiken wie die Urwälder Zentralamerikas, Australiens und Madagaskars wurden ermittelt, aber auch unerwartete „Hotspots“: Kalifornien etwa oder die Arabische Halbinsel. Gut zehn Prozent der KI-getesteten Arten seien bedroht, berichten die Forscher (doi: 10.1073/pnas.1804098115): „Global gesehen sind viel mehr Pflanzenarten in ihrem Bestand gefährdet als zu erwarten war.“

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