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Meeresanstieg um 2 Meter : Polarforscher verschärfen Warnung vor Eisschmelze

Ein kleines Boot im Illulissat-Fjord vor Westgrönland. Bild: Jonathan Bamber

Diese Warnung stellt alle Klimaberichte in den Schatten: Das Meer steigt um zwei Meter, 187 Millionen Menschen könnten in den nächsten drei Generationen ihr Zuhause verlieren. Ein beunruhigendes Klimawandel-Update von 22 Polarexperten.

          Schon eine ganze Weile zeichnet sich ab, dass das Abschmelzen der großen Eisschilde durch die Erderwärmung am oberen Limit der Prognosen voranschreitet. Und die Eisverluste an den Polen beschleunigen sich weiter. Jetzt ist eine Befragung von 22 führenden Polarexperten veröffentlicht worden, die voriges Jahr auf einem zweitägigen Workshop vorgenommen und statistisch ausgewertet wurde. Ergebnis: Die Vorhersagen des Weltklimarates sind radikal überholt, das abfließende Schmelzwasser von den Gletschern der Antarktis und Grönlands könnte für den Fall, dass sich der Planet weiter wie bisher erwärmt, den Meeresspiegel mit einiger Wahrscheinlichkeit zwei- bis dreimal so hoch ausfallen lassen,  genauer: irgendwo zwischen 62 bis 238 Zentimeter liegt der Anstieg

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In seinem fünften, dem jüngsten, Sachstandsbericht hat der  Weltklimarat IPCC noch von einen globalen Pegelanstieg um 35 bis 94 Zentimeter vorgerechnet. Das ist sechs Jahre her. Seither sind freilich zahlreiche Beobachtungs- und Modellstudien veröffentlicht worden, die fast ausnahmslos die pessimistischsten Annahmen bestätigt haben, wie die Gruppe um Jonathan Bamber von der University of Bristol betont.

          Das vermeintlich ewige Eis reagiert offensichtlich noch empfindlicher auf den Anstieg der Treibhausgase als erwartet, physikalische Rückkoppelungsmechanismen sorgen dafür, dass der Wärmezuwachs, den insbesondere die Arktis und in die Westantarktis verzeichnen, doppelt bis dreimal so stark ausfällt wie  in den gemäßigten Klimazonen. Zudem zeigen auch klimahistorische Studien mit Daten aus früheren Wärmephasen, dass die Eispanzer empfindlicher als gedacht auf Erwärmung reagieren. Alles zusammen hat die Polarforscher darin bestärkt, ihre früheren und eher vorsichtigen Prognosen  aufzugeben – jedenfalls sind 18 der 22 Fachleute überzeugt, dass die ungünstigen Szenarien wohl eher zutreffen, zumindest für den Fall, dass die globale Klimapolitik nicht greift und die Erwärmung dann um fünf Grad (verglichen mit dem vorindustriellen Niveau) bis zum Jahr 2100 zunimmt.

          Auch die höheren Wassertemperaturen auf dem Schelf der Westantarktis dürften die Gletscherschmelze von unten beschleunigen, so dass die Eismassen schneller Richtung Meer rutschen.

          Sollte es immerhin gelingen, so heißt es in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, die Erderwärmung im globalen Mittel auf zwei Grad zu begrenzen, sei bis Jahrhundertende ein Meeresspiegelanstieg von 26 bis 85 Zentimeter sehr wahrscheinlich – im Grunde also die Vorhersage, die man weitgehend ohne Treibhausgasminderungen angenommen hatte. Sollte doch noch die Klimawende gelingen und die mittlere Jahrestemperatur global auf maximal 1,5 Grad über dem vorindustriellen Wert begrenzt werden können, bedeutet  das für die Eisschmelze kein großer Wurf: Um etwa zehn Zentimeter geringer als beim Zwei-Grad-Ziel würde dann der Pegelanstieg ausfallen.

          Die Eismassen der Antarktis und damit das größte gefrorene Süsswasserreservoir der Welt erleben seit den neunziger Jahren einen dramatischen Abwärtstrend  Auch die in einigen Teilen des Südkontinents zunehmenden Schneefälle konnten nicht ausgleichen, was vor allem an der Unterseite der Schelfeisflächen und an den Gletscherkanten großflächig verloren geht.  In der hier nicht dargestellten Antarktischen Halbinsel haben diese Schmelzprozesse wie in der Westantarktis besonders früh eingesetzt. Das Inlandeis der Ostantarktis wurde lange als Erwärmungspuffer gehandelt, weil dort stellenweise noch Eiszuwächse an der Oberfläche verzeichnet wurden. Heute ist die Bilanz auch da längst ins Negative gerutscht. Zwischen 1979 und 1990 verlor die Antarktis schätzungsweise 40 Milliarden Tonnen Eismasse pro Jahr, zwischen 2009 und 2017 waren es bereits mehr als 250 Milliarden Tonnen jährlich.

          Auffallend ist, dass die Unsicherheitsmargen durch die neue Studie eher zu- als abgenommen haben. Für die Wissenschaftler kein Grund zur Entwarnung. Die großen Prognosespannen seien vielmehr Ausdruck des wissenschaftlichen Fortschritts: Je mehr man mittels aktueller Daten und verbesserter Eis- und Klimamodelle über das polare System und seine Prozesse  in Erfahrung bringe, desto mehr wisse man auch über dessen Komplexität – und je komplexer ein System, desto größer fällt der Bereich möglicher Verläufe aus.

          Der Pessimismus der Polarforscher kommt vor allem im letzten Abschnitt ihrer Publikation zum Ausdruck, in dem sie die Konsequenzen eines mutmaßlich um zwei Meter ansteigenden Meeresspiegels beschreiben: „Im Ergebnis bedeutet das ein weltweiter Verlust von 1,79 Millionen Quadratkilometer Küstenfläche, inklusive der darin enthalten Landwirtschaftsflächen, sowie die Umsiedlung von  bis zu 187 Millionen Menschen.“

          In die Serie unangenehmer Nachrichten von den Polgebieten reiht sich aktuell eine weitere Arbeit britischer Klimaforscher ein: Das Eis der Westantarktis muss demnach inzwischen zu einem Viertel als instabil eingestuft werden. In nur 25 Jahren sind die gewaltigen Eispanzer an einigen Stellen mehr als hundert Meter dünner geworden, gleichzeitig hat sich die Fließgeschwindigkeit der Gletscher vor allem zuletzt massiv erhöht. Das schreiben Wissenschaftler von der University of Leeds, die die Radarmessungen mit Satelliten der europäischen Weltraumagentur seit 1992 in einem regionalen Gletschermodell ausgewertet haben, in der aktuellen Ausgabe der „Geophysical Research Letters“. In den Datenpool sind achthundert Millionen Höhenmessungen des westantarktischen Eises eingeflossen. Sollte die Westantarktis tatsächlich vollständig abschmelzen, würden die Wassermassen den globalen Meeresspiegel um bis zu acht Meter anheben.

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