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Wehentreiber Klimawandel : Babys kommen früher mit der Hitze

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Gerade zum Ende einer Schwangerschaft können heiße Tage für Frauen sehr belastend sein. Bild: Picture-Alliance

Extreme Hitze ist wehenfördernd und verkürzt Schwangerschaften. Und weil der Klimawandel die Zahl der Hitzewellen nach oben treibt, befürchten Forscher eine Vervielfachung früherer und problematischer Geburten.

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          Gesundheitsschädliche Hitzewellen und „Jahrhundertsommer“ treten immer öfter auf, das hat die Weltmeteorologiebehörde in ihrem Klimabericht 2019 vom Wochenende deutlich gemacht. Doch es sind nicht nur die alten und gebrechlichen Menschen, die darunter leiden, wie in dem Bericht betont wird, sondern möglicherweise auch verstärkt die Neugeborenen. Hitze kann nämlich zu kürzeren Schwangerschaften führen. Das bestätigt eine neue Analyse aus den Vereinigten Staaten. Es sei davon auszugehen, dass im Zuge des Klimawandels zunehmend mehr Schwangerschaften betroffen sein werden, schließen die Wissenschaftler.

          „Die Gesundheit von Säuglingen wird vielfältig beeinflusst, aber eine frühere Entbindung ist eine wichtige Messgröße, die nachweislich stark mit der Gesundheit von Neugeborenen und den geistigen Ergebnissen im späteren Kindesalter zusammenhängt“, schreiben der an der University of California und am Bonner Institute of Labor Economics (IZA) tätige Umweltökonom Alan Barreca sowie sein amerikanischer Kollege Jessamyn Schaller im Fachmagazin „Nature Climate Change“.

          Frühere Studien hätten bereits einen Zusammenhang zwischen extremer Hitze und kürzeren Schwangerschaften nachgewiesen, doch sei der Effekt nicht genau beziffert worden. Möglicherweise ist es die übermäßige Produktion von Oxytocin-Hormonen oder aber ein hitzebedingter Kreislauf-Stress. Die Forscher werteten für ihre aktuelle Analyse rund 56 Millionen Geburten im Zeitraum 1969 bis 1988 aus. Heiße Tage verkürzten Schwangerschaften demnach um durchschnittlich sechs Tage.

          Den Basiswert für die Rechnung bildete die tägliche Geburtenrate. Die Forscher verglichen die Geburtenrate an einem Tag mit einer Höchsttemperatur von mehr als 32,2 Grad mit demselben Kalendertag in anderen Jahren. Bezugspunkt waren Tage mit einer Höchsttemperatur von 15,6 bis 21,1 Grad Celsius. Im Vergleich dazu stieg die Geburtenrate am heißen Tag und am folgenden Tag um zusammengenommen 1,63 Tage an. Erst 15 Tage nach dem heißesten Tag hatte sich die Geburtenrate wieder normalisiert.

          Bei jährlich etwa 30 heißen Tagen im Untersuchungszeitraum betraf die Verkürzung der Schwangerschaft rund 25.000 Geburten und bedeutete einen Verlust von mehr als 150.000 Schwangerschaftstagen. Unter der Verwendung von fast zwei Dutzend Klimamodellen errechneten die Forscher, dass durch den prognostizierten Klimawandel im Zeitraum von 2080 bis 2099 weitere 250.000 verlorene Schwangerschaftstage wegen heißer Tage hinzukommen könnten. Allerdings zeigten sie in Bezug auf den von ihnen betrachteten Zeitraum 1969 bis 1988 auch, dass Klimaanlagen den Effekt um drei Viertel vermindern können.

          Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, geht nicht davon aus, dass sich die Dauer der Schwangerschaften durch den Klimawandel allgemein verkürzen wird. Die Menschen passten sich an dauerhaft höhere Temperaturen an, sagte der in Hannover niedergelassene Frauenarzt. Der Einfluss von Wärme auf das Ende der Schwangerschaft sei schon lange bekannt: „Ist der errechnete Geburtstermin bereits überschritten, nutzen manche Schwangere auch die heiße Badewanne, um den Wehenbeginn und den Geburtseintritt zu beschleunigen.“

          Für Michael Abou-Dakn von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in Berlin sind die Ergebnisse der umfangreichen Studie nicht erstaunlich. Der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am Berliner St. Joseph Krankenhaus betonte, dass Hitze Schwangere sehr belaste. Dennoch erwartet auch er nicht, dass der Klimawandel Schwangerschaften dauerhaft negativ beeinflusst: „Der Mensch ist sehr anpassungsfähig.“

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