https://www.faz.net/aktuell/wissen/klimawandel-die-auswirkung-des-hohen-fleischkonsums-16331451.html
Jakob Strobel y Serry (str.)

Essen und der Klimawandel : Bekenntnisse eines Fleischessers

Lammkeule schmeckt unserem Autoren besonders gut. Bild: obs

Ein schlechtes Gewissen beim Fleischessen? Kommt nicht infrage. Der Mensch wäre kein Mensch ohne Fleisch. Nicht das Fleisch an sich, sondern allein der Exzess seines Konsums ruiniert die Regenwälder und das Klima.

          3 Min.

          Ich liebe Fleisch, ich bin verrückt nach Fleisch, ich esse Fleisch für mein Leben gern und werde niemals darauf verzichten, auch wenn meine beiden Töchter überzeugte Vegetarierinnen glücklicherweise ohne missionarischen Eifer sind. Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört der Duft der Lammkeulen, gespickt mit Knoblauch, Thymian und Rosmarin, die meine spanischen Tanten über dem offenen Feuer unseres Sommerhauses in Katalonien grillten. Zu meinen kulinarischen Offenbarungen gehörte mein erstes Bresse-Huhn, das ich mir als armer Student in Bourg-en-Bresse vom Mund absparte, um dann mit einem so unfassbar intensiven, so überwältigend delikaten Geschmack belohnt zu werden, wie ich ihn zuvor noch nie bei einem Huhn schmecken durfte. Und bis heute ist für mich ein Leben als Feinschmecker ohne Fleisch undenkbar, weil mein Himmeltellerreich auf Erden ein kurz gebratener Rehrücken mit Morcheln ist oder ein pochiertes Kalbsfilet im Kräutermantel oder ein Kotelett vom Ibérico-Schwein, das sein ganzes Leben frei wie der Wind in den Eichenhainen Andalusiens verbracht hat.

          Genau aus diesem Grund habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich Fleisch esse: Ich kaufe niemals Billighack oder Tiefkühlbroiler beim Discounter, zu denen ich ohnehin aus Prinzip nicht gehe. Ich esse niemals den Plastik-Fast Food-Ramsch amerikanischer Imbissketten, verweigere mich allen Arten von Würsten aus Fleischabfällen, boykottiere die Massentierhaltung und finde die Industrialisierung der Viehzucht so verwerflich wie ihre Preise obszön. Ich bin kein Snob, sondern ein Gourmet. Deswegen esse ich Charolais-Rinder und Schwarzfederhühner, Lämmer von der Müritz und Schweine aus Jabugo, und ich gebe dafür mit Vergnügen viel Geld aus, für viele Menschen viel zu viel Geld. Doch das ist der Preis, den ich dafür zahle, dass die Tiere ein gutes Leben hatten und es mir mit ihrem wunderbaren Geschmack danken. Der hohe Preis ist für mich auch kein Ablasshandel, mit dem ich mein schlechtes Gewissen, den Tod eines Lebewesens verursacht zu haben, beruhigen müsste. Denn ich handele mit meinem Fleischkonsum – anders, als es viele Moralisten der Fleischfeindlichkeit behaupten – nicht wider die menschliche Natur.

          Ohne Fleisch wäre der Mensch gar kein Mensch. Die These ist in der Anthropologie längst fest verankert. Die enorme Energie von Fleisch und Knochenmark hat es den Menschenaffen überhaupt erst ermöglicht, ihr Gehirn so sehr zu vergrößern und weiterzuentwickeln, dass Menschen aus ihnen werden konnten. Mit schwer verdaulicher Pflanzennahrung wäre das nie gelungen. Hätten wir unsere Ernährung vor hunderttausend Jahren nicht radikal umgestellt, säßen wir immer noch in der Höhle und kauten auf Wurzeln. Fleisch aber gab und gibt uns große, leicht zu absorbierende Mengen an Proteinen, Eisen und Vitamin B und damit den entscheidenden evolutionären Vorteil, um unser Gehirn zu versorgen, das zwar nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht, aber zwanzig Prozent unserer Energie verbraucht.

          Natürlich sind wir heute in der Lage, Fleisch zu ersetzen, ohne unsere Ernährung und Gesundheit zu gefährden, aber ich will das nicht – und ich muss es auch nicht. Denn wir müssen etwas anderes tun: Wir müssen aufhören, jeden Tag billiges Fleisch mit dem Geschmack von Styroporverpackungen in uns hineinzustopfen und uns dabei auch noch einzureden, dass dieser Unfug ein Menschenrecht sei. Wir müssen uns endlich dafür interessieren, wie die Tiere auf unserem Teller gelebt haben und gestorben sind. Wir dürfen nicht länger tolerieren, dass Fleisch wie ein anorganisches Industrieprodukt behandelt wird – von den Großmästern ebenso wie von gedankenlosen Konsumenten. Wir müssen begreifen, dass nicht das Fleisch an sich, sondern allein der Exzess seines Konsums die Regenwälder zerstört und das Klima ruiniert.

          Wir müssen also verstehen, dass die Lösung des Problems, das falsche Fleisch zu essen, nicht lauten kann, überhaupt kein Fleisch mehr zu essen. Stattdessen müssen wir wieder lernen, wie gut gutes Fleisch schmeckt, wie zart und zugleich kraftvoll, wie fein und zugleich intensiv, wie unvergleichlich und unersetzlich. Fleisch ist ein ganz besonderes, vielleicht sogar das kostbarste, das köstlichste Geschenk der Natur an uns. Lasst es uns endlich schätzen, anstatt es zu verdammen! Lasst es uns genießen!

          Unser Autor Benjamin Fischer ist Vegetarier und schreibt hier, dass es nicht schwer ist, auf Fleisch zu verzichten.

          Auch Ihre Meinung interessiert uns sehr! Wie ist Ihre Haltung zu diesem Thema?
          Diskutieren Sie über die Kommentarfunktion mit.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dieses Bild wird bleiben: SGE-Trainer Glasner und Kapitän Sebastian Rhode können es noch nicht ganz fassen, aber gleich „überreichen“ sie den Europapokal an Peter Feldmann

          Frankfurter Oberbürgermeister : Die Stadt kann ihn mal

          Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann hat nicht nur den Europapokal der Eintracht abgeschleppt. Er hat vielmehr der ganzen Stadt zu verstehen gegeben, dass er sich um sie und deren Bürger nicht weiter schert. Die Abwahl muss jetzt kommen.
          Eine Schule wird zum Ort der Trauer: Mitschüler und Angehörige gedenken der 21 Menschen, darunter 19 Kinder, die an der Grundschule erschossen wurden.

          Über Amokläufer in Uvalde : „Mein Sohn war kein Monster“

          Nachdem ein 18 Jahre alter Mann 19 Kinder und zwei Lehrerinnen in Texas tötete, suchen die Ermittler immer noch nach einem Motiv. Sein Umfeld zeichnet das Bild eines aggressiven Einzelgängers.
          Die spanische Gleichstellungsministerin Irene Montero am 8. März in Madrid

          „Nur ein Ja ist ein Ja“ : Spanien verschärft Sexualstrafrecht

          Ein Entwurf der linken Minderheitsregierung stößt im Parlament auf große Zustimmung. Damit ist die Einwilligung der Frau ausschlaggebend für einen sexuellen Kontakt. Von den Konservativen kommt Kritik.
          Für Jürgen Klopp und den FC Liverpool geht es im Finale der Champions League gegen Real Madrid.

          Klopp zum Finale : „Wir spielen auch für die Ukraine“

          Vor dem Champions-League-Finale am Samstag spricht Jürgen Klopp darüber, warum er froh ist, dass das Endspiel in Paris stattfindet, wie die Gerüchte um Sadio Mané zu bewerten sind und was er über den Rasen denkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.