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+++ Klimaticker März +++ : Erdachse, Energieschlucker, Kippelemente

Und mit der nächsten Welle schaffen es auch die Pinguine an den Nordpol. Bild: AFP

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zur Frage nach Ursache und Wirkung, dem Stoffwechsel von Seeigeln und den versteckten Kosten der Erderwärmung.

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          +++ 30. März. Henne oder Ei, was war zuerst? Der Streit um die Frage, ob Treibhausgase die Erwärmung der Erdatmosphäre antreiben, oder umgekehrt der Planet zuerst erwärmt (dank astronomischer und damit natürlicher zyklischer Veränderungen) und dann mit etwas Verzögerung mehr Treibhausgase freisetzt, scheint jetzt zumindest für die letzte Eiszeit-Periode geklärt. Die Antwort lautet: Die Treibhausgase folgten der Natur, nicht umgekehrt. „Interne Prozesse des Erdsystems, genauer eine positive Rückkoppelung, die die Temperatur veränderte, beeinflusste die Schwankungen der Treibhausgas-Konzentrationen“, heisst es in der Analyse einer internationalen Arbeitsgruppe, an der Victor Brovkin vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie beteiligt war. Ursache und Wirkung, meinen die Forscher, können jetzt dank ihres neuen Computermodells voneinander getrennt werden. Bisher war nicht einmal klar, ob der Korrelation von Temperatur und Treibhausgase über die Erdgeschichte überhaupt irgendeine Kausalität zugrunde liegt. Für die letzte Eiszeit weiss man jetzt: Die orbitale Verschiebung der Erdachse und die damit veränderte Sonneneinstrahlung hat zuerst die Ausdehnung der Eispanzer auf der Nordhalbkugel verändert. Als dann die Eisflächen schrumpften und die Ozeane erwärmten, wurden mehr Treibhausgase durch Algen und Pflanzen produziert.  Aus den Daten lassen sich also grundsätzlich Kausalitäten ermitteln. Das heisst aber nicht, dass die Treibhausgase als die treibende Kraft einer globalen Erwärmung - wie für die Gegenwart - ausgeschlossen sind. Das zeigt die Studie in in „Nature Climate Change“. Vielmehr gilt jetzt mehr denn je: Alles hängt mit allem zusammen. Die Klimamodelle zum Beispiel sind in der Hand eines geschickten Ingenieurs durchaus in der Lage, die Erdachse zu verschieben und den Planeten orbital abzukühlen. Wer dreitausend Meter  tiefe Löcher in die Erde bohren kann, um Daten zusammeln, kann auch tiefer bohren, wenn er weiß, welche Richtung einzuschlagen ist. Dafür hat man Modelle. +++

          Jahresringe im Kalkskelett: Die Rotalge Clathromorphum und einige Seeigel
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 30. März. Der Klimawandel bereitet den Lebewesen mehr Stress, als man ihnen auf den ersten Blick ansieht. Das schließen Forscher aus Untersuchungen an Seeigeln. In ihren Zweihundertliterbecken, in denen sie Millionen Seeigel unter den avisierten Bedingungen einer klimaveränderten  Welt züchteten - wärmeres und saureres Wasser - stellten sie zwar fest, dass die Tiere durchaus überlebten. Aber der Stoffwechsel der Seeigel war massiv hochgekurbelt. Die Herstellung von Proteinen und die Regulation der Ionen-Kanäne in den Zellen war plötzlich im Schnitt um mehr als 84 Prozent erhöht. „Der Energieverbrauch der Tiere steigert sich deutlich“, schreiben die Forscher um Donal Manahan von der University of California in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Fraglich, ob Berlin davon wusste. Damit hat sich das Konzept der Regierung, durch Einsparung der Energie der nationalen Energiewende endlich zum Durchbruch zu verhelfen, wohl endgültig erledigt. Nimmt man allein das deutsche Nutzvieh und die Bestände in Fischteichen und überschlägt den zusätzlichen Energiebedarf bei steigenden Temperaturen, bleibt nur eine Lösung: Schreddern. Weg mit dem Viehzeug. +++  

          Vermögensverwaltende Fonds dürfen in fast alles investieren: Auch in den brasilianischen Regenwald

          +++ 24. März. Noch mehr versteckte Kosten. Das plötzliche Kippen der klimabestimmenden Elemente - die Regenwälder etwa oder das Grönland-Eisschild oder El Nino, ist für die Weltwirtschaft offenbar eine noch größere Gefahr als gedacht. Forscher haben berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit des Überschreitens eines Kipp-Punktes im Jahr 2050 bei 2,5 Prozent liegt, 150 Jahre später – im Jahr 2200 – bei knapp 50 Prozent. Das müsste heute schon einkalkuliert und die Bemühungen um eine Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen radikal vergrößert werden. Das fordert Thomas Londzek von der Universität Zürich. Er hat zusammen mit Wissenschaftlern in Chicago, Stanford und Exeter ausgerechnet, wie groß die ökonomischen Risiken eines Kippens des Weltklimas liegen. Ihr Fazit: „Angesichts der Gefahr sprunghafter und irreversibler Änderungen im Klimasystem sollten wir höhere Ausgaben in Kauf nehmen, um das Risiko von Klimakatastrophen zu reduzieren.“ Ihr Vorschlag: Für Kohlendioxid-Emissionen endlich Steuern einzuführen und das Geld für den Klimaschutz einzusetzen. Das ist das sicherste Rezept, damit politisch nichts passiert. Oder besser: das sicherste Rezept, um irgendwann festzustellen zu können, wie das mit dem Kippen der Elemente wirklich ist. +++ 

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