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+++ Klimaticker Juli +++ : Hitzeopfer, Südpolverwirrung, Grönlandrekord

Klimatologische Ödnis im mittelalterlichen Herzen der Hauptstadt: der Fernsehturm, eingerahmt von Grünflächen Bild: Google Earth

Was macht eigentlich die Apokalypse? Unser Glossenticker mit ernsten Nachrichten zum Klimawandel und ihren (weniger ernsten) Pointen. Ein Update zu den Hitzetoden in der Hauptstadt, zu falschen Eisdaten im IPCC-Bericht, einem Hitzerekord auf Grönland und dem schwierigen Zwei-Grad-Ziel.

          +++ 30. Juli. „Fünf Prozent aller Todesfälle in Berlin sind mit großer Wahrscheinlichkeit auf die erhöhten Sommertemperaturen zurückzuführen.  Das sind 25-mal mehr Tote als in der Stadt an Verkehrsunfällen sterben.“ Mit diesen bedrückenden, offensichtlich statistisch validen Zahlen ist die DFG-Forschergruppe „Stadtklima und Hitzestress“ an die Öffentlichkeit getreten. Anlass war allerdings keine Rekordmeldung zum Klimwandel, sondern die Inbetriebnahme einer „berlinweit einmaligen Messstation“, genauer: eines 56 Meter hohen Messturms auf dem Dach des Hauptgebäudes der TU Berlin, der simultan Kohlendioxid- und Wasserdampfdichte, Lufttemperatur, Luftdruck und das dreidimensional Windfeld erfasst. Damit sollen insbesondere die Stadtklimamodelle validiert werden. Zwischen den Jahren 2001 und 2010 haben die Wissenschaftler im Schnitt an 23 Tagen Hitzestress festgestellt. Was die erschreckende Hitzestress-Todesstatistik betrifft, heisst es im Verlauf der Mittelung: „Einen Trend zu höheren Lufttemperaturen gab es in Berlin in diesem Zeitraum nicht. Die Todesfälle, rund 1600 pro Jahr, treten jeden Sommer auf, nicht nur in den Extremsommern.“ Von wegen Klimawandel.  Und: Der städtische Raum in Berlin sei höchstwarscheinlich stärker betroffen als der ländliche - Überraschung! Eine Pointe braucht es für die traurige Opfermeldung übrigens nicht. Denn überschrieben wurde sie von der TU Berlin mit dem gewinnbringenden Titel: „Sommermärchen und Hitzestress“ +++

          Im Seebären-Milieu: Mit dem Meereis sieht es offenbar auch in der Antarktis nicht so rosig aus.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 22. Juli. Der jüngste Weltklimabericht des IPCC enthält wegen eines Fehlerteufels in den Algorithmen der Modelle falsche Angaben zur Ausdehnung der Meereisflächen vor der Antarktis. Im fünften Statusbericht, der Ende vergangenen Jahres veröffentlicht worden ist, heisst es, die Meereisfläche habe sich in den Jahren zwischen 1979 und 2012 um durchschnittlich 16.500 Quadratkilometer pro Jahr vergrößert.  Die einen haben diese Zunahme als Indiz gewertet, dass das Schelfeis an der Antarktisküste aufgrund der Erwärmung beschleunigt schmilzt. Andere haben es als Hinweis auf eine verstärkte Eisproduktion am Südpol und damit als Zeichen einer Abkühlung gedeutet. Kaum aufgefallen ist dagegen, dass im vierten Sachstandsbericht von 2007 noch davon die Rede war, dass ein langfristiger Meereis-Trend in der Antarktis kaum zu erkennen sei. Den offenkundigen Widerspruch hat jetzt eine Gruppe um Ian Eisenman von der Scripps Institution of Oceanography an der University of California in San Diego zum Anlass genommen, die Algorithmen unter die Lupe zu nehmen, mit denen versucht wird, die von verschiedenen Satelliteninstrumenten aufgezeichneten Daten zu kalibrieren und vergleichbar zu machen. Solche mathematischen Korrekturen sind meist nötig, wenn alte durch neue Messtechniken ersetzt oder die Messnetze erweitert werden, die gesamte Messreihe also möglichst homogen verlaufen soll. Die Erde und damit auch das Meereis wird seit mehr als 35 Jahren mit unterschiedlichen Satellitenmessgeräten erfasst. Offensichtlich, so berichten Eisenman und seine Kollegen in der Zeitschrift „The Cryosphere“, wurden bei einem Update des „Bootstrap“-Algorithmus um das Jahr 1991 Veränderungen in der Datenauswertung eingeführt, die zu den Abweichungen im Langfristtrend geführt haben. Allerdings ist noch nicht klar, ob die alte oder die neue Version die richtige ist. „Leider ist es gar nicht so einfach zu erkennen, welche Messreihe nun den entscheidenden Sprung produziert hat“, schreibt Eisenman. Mit anderen Worten: Ob das antarktische Meereis nun stärker schmilzt als früher oder eher nicht, lässt sich in den wachsenden Datengebirgen der Satellitenforscher nicht zuverlässig herauslesen. Das ist für alle ein Problem, nur nicht für den IPCC. In Genf knallen die Sektkorken. Endlich ist mal ein Fehler entdeckt worden, der nicht auf dem eigenen Mist gewachsen ist. +++

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