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+++ Klimaticker Januar +++ : Klimamodelle, Katastrophenwerte, Algenpest

+++ 15. Januar. Es wird immer ungemütlicher auf der Erde. Vier von neun Prämissen für eine ökologische Stabilität sind quasi schon obsolet, der Mensch sprengt alle Grenzen des ökologischen Maßhaltens. Die Wissenschaftler sprechen deshalb auch von den neun „planetaren Grenzen“. Eine internationale Arbeitsgruppe unter der Leitung von Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre, und einer Gruppe um Dieter Gerten und Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt sich in der neuen Analyse der planetaren Grenzen deshalb äußerst besorgt. Die Anzeichen mehren sich, dass das vergleichsweise stabile Holozän dem neuen Zeitalter des erheblich labileren Anthropozäns weichen muss. Der Grenzwert für den „Kernfaktor“ Klimawandel etwa wird durch den Kohlendioxidgehalt in der Luft definitiert: Letztes Jahr lag der bei 399 ppm im Schnitt. Die Obergrenze sollte aber 350 ppm nicht überschreiten, um dauerhaft eine zu starke Erwärmung (über 1,5 Grad per Festlegung der planetaren Grenze) sicher zu verhindern. Neben dem  Klimawandel zählen das Artensterben, die chemische Belastung der Stoffkreisläufe und der Landverbrauch zu den vier Bausteinen des Konzeptes, die inzwischen jene Grenzwerte überschritten und deren Einhaltung den Forschern zufolge die Stabilität und Widerstandskraft, kurz: die Integrität, des Erdsystems sichern soll. Vor vier Jahren war das neue Konzept für ein globales Management erstmals präsentiert worden. In der Zeitschrift „Science“ berichten die Forscher jetzt über neue Erkenntnisse vor allem im Hinblick auf die Phosphat- und Stickstoffkreisläufe, die Veränderungen der Landnutzung, den Wasserverbrauch und die  „Veränderungen der biologischen Integrität“. Biologische Integrität ist nicht neu, dahinter steht lediglich das Ziel, nicht nur den Artenschwund, sondern die Überlebensfähigkeit ganzer Ökosysteme zu beschreiben. Umweltverschmutzung durch Schadstoffe heisst auch nicht mehr Umweltverschmutzung, sondern „Einführung neuer Dinge“ (Introduction of novel entities). Damit werden nun auch Nanomaterialien und radioaktive Substanzen berücksichtigt. Es werden mittlerweile auch ökologisch tragfähige Korridore, vulgo: Grenzen, nicht nur auf globaler, sondern auf regionaler Ebene erarbeitet.  Daran sieht man: Das Konzept lässt auf lange Sicht keinen Winkel und keinen Bewohner des Planeten unberücksichtigt. Die Selbstvermessung der Erde zum Selbstschutz des Menschen, sie schreit förmlich nach einer radikalen Neubesinnung. Statt des alten Öko-Emanzipationsprojekts wird, um die Beschleunigung der Zerstörung zu bremsen, Hightech gefragt sein. Das Tragen intelligenter Smartwatches, die die Einhaltung der inidividuellen plantaren Grenzen durch Überwachung persönlicher Schadstoffemissionen bei Tag und Nacht ermitteln sowie den Aktionsradius jedes Individuums auf ein ökologisch erträgliches Maß festlegen, ist nur ein Anfang. Wenn die digitalen Armbänder endlich dafür gerüstet sind, wird daraus eine ökoelektrische Fessel: Wer zu viel Fleisch konsumiert, weiter Erdölprodukte verbraucht, sich an Bautätigkeiten außerhalb seiner eigenen vier Wände beteiligt oder auch nur einem Wurm ein Haar krümmt, wird automatisch in einen ökologischen Winterschlaf versetzt - solange, bis er sich in allen neun Parametern wieder innerhalb des planetaren Korridors bewegt. +++

Liebe zur Mutter Erde forderten die Demonstranten beim Marsch gegen den Klimawandel 2014 in New York.
Liebe zur Mutter Erde forderten die Demonstranten beim Marsch gegen den Klimawandel 2014 in New York. : Bild: Reuters

+++ 7. Januar. Die Meere sind doch keine so guten Endlagerstätte für das Treibhausgas Kohlendioxid. Wenn es wärmer wird, nehmen die Ozeane nicht etwa mehr, sondern offenbar weniger von dem klimaschädlichen Spurengas auf. Das meint  zumindest ein internationales Forscherteam, an dem  Wissenschaftler des Kieler Geomar-Helmholtz-Zentrums beteiligt sind. Grundlage sind Sedimentfallen und Messungen an zahlreichen Stellen des Nordatlantiks von der Subarktis bis in die Subtropen. Wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, haben die Analysen ergeben, dass das Kohlendioxid zwar das Wachstum des Phytoplanktons in den oberen  Wasserschichten zwar antreibt, Algenblüten sind die Folge. Aber wenn diese Partikeln in die Tiefe sinken, werden sie offenbar schneller als bisher gedacht wieder zersetzt. Folge: Weniger Kohlenstoff wird in den Tiefen der Ozeane abgelagert. Damit  wurden die Schlussfolgerungen aus älteren Messungen in den tropischen Ozeanen widerlegt. Das sei „kein gutes Zeichen“,  kommentierte Eric Achterberg die Messergebnisse. So schlecht vielleicht aber auch wieder nicht. Die Widersprüche zu den alten Messungen - Grundlage auch der Bewertungen etwa für den Weltklimarat - könnte den Ozeanographen ganz neue Optionen bieten. Ihre Reisepläne auf dem Forschungsschiff sind jedenfalls fürs Erste gesichert. Um die Algensache aufzuklären, dürfen die Wissenschatfler endlich ihre ungemütlichen Forschungsreviere im Norden verlassen und die Sedimentfallen künftig in lebenswerteren Meeresregionen, beispielsweise vor den Stränden Hawaiis, Mauritius oder Tahitis, auswerfen.+++

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