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Flugscham : Klimaschutz im Konferenz-Zirkus

Auch am Strand auf Zypern lassen sich die Treibhausgasemissionen schwer verdrängen. Bild: AFP

Forscher reisen oft, jedenfalls wenn sie Karriere machen wollen. Luxus all inclusive. Klar fliegt da immer öfter auch das schlechte Gewissen mit. Ganz ausweglos ist die Sache allerdings nicht. Eine Glosse.

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          Wissenschaftler, Naturwissenschaftler zumal, sind nicht unbedingt dafür bekannt, ein besonders ausschweifendes Leben im Luxus zu führen. Dafür fehlt ihnen nicht nur die Zeit – vom Geld ganz zu schweigen –, sondern meist schon allein das Interesse an ausschweifendem, nicht dem Erkenntnisgewinn dienendem Firlefanz.

          Es gibt nur eine Kategorie, in der die Forscher bei jeder Smalltalk-Diskussion des althergebrachten, statusbewussten Lifestyles ganz vorne mit dabei sind: Reisen an weit entfernte Orte. Kaum ein Wissenschaftler, der nicht mehrmals im Jahr den Kontinent gewechselt und Konferenzbesuche mit spektakulären Strandaufenthalten kombiniert hat, der keine Erinnerungen an exotische Tiere und Speisen mit den lieben, international verstreuten Kollegen teilen kann.

          Gut ist das natürlich nicht. Wer wüsste das besser als die Wissenschaftler selbst, denen die Ergebnisse ihrer Kollegen aus den Klimawissenschaften und deren Konsequenzen bestens bekannt sind. Tatsächlich werden die Diskussionen der emissionsintensiven Reisepraxis in den Forschungs-Communities immer lauter. Flugverweigernde Forscher organisieren sich, wie auf der Webpage noflyclimatesci.org, Universitäten passen ihre Reiserichtlinien an. So gehen beispielsweise acht Berliner und Brandenburger Universitäten und Hochschulen, angeregt durch „Fridays for Future“, den Weg der freiwilligen Selbstverpflichtung ihrer Forscher, auf Flugreisen bis tausend Kilometer zu verzichten, wie vergangene Woche bekanntgegeben wurde.

          Neue Technologien könnten die Lösung sein

          Das ist ein Anfang, das Grundproblem ist damit nicht gelöst: Die aktive Teilnahme an Konferenzen und Workshops ist in der heutigen international operierenden Forschung Voraussetzung für einen erfolgreichen Karriereweg. Was also tun, will man den Weg des kleineren Kohlendioxid-Fußabdrucks beschreiten? Konferenzen könnten an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden und aus realen wie digital übertragenen Vorträgen bestehen. Auch gänzlich virtuelle Konferenzen wären denkbar und werden bereits getestet, bei denen Vorträge auf Video aufgezeichnet eingereicht werden und sich die Teilnehmer darüber zu bestimmten Zeiten online austauschen können – mittelfristig per VR-Brille und in dreidimensionalen virtuellen Räumen.

          Das wäre dann, sofern die dafür nötige, heute meist noch sehr holprige Technologie einwandfrei funktioniert, auch eine Lösung, die sehr hohe Informationsdichte von Konferenzen an die individuelle Aufnahmefähigkeit anzupassen. Und wer weiß, vielleicht könnte eine solche in ihrem zeitlichen Ablauf „personalisierte“ Konferenz dann im Vergleich zum heute üblichen Vortragsmarathon so erholsam sein, dass die Forscher den Strand vor der Tür des Tagungshotels nicht einmal vermissen.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton.

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