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Klimapolitik: Eine Glosse : Fahrt ins Grüne

Brandenburg: grüne Äcker, darüber leichte Wolkenbildung Bild: dpa

Wer von Klimapolitik nichts hören will, hält es in der Hauptstadt gerade nicht gut aus. Also Flucht. Nur wohin? Eine Glosse über den wilden Ritt zweier Antihelden out of Berlin.

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          Für den Verkehrsminister ist das Tempolimit naturgemäß kein Zukunftsthema, es sei denn, es geht um die Klimapolitik oder um die Innovationslust in deutschen Autokonzernen. Dann drückt er gerne auch mal auf die Bremse. Bloß nicht zu viel Gas geben. Der christsoziale Minister ist in der Hinsicht ein Mann des Holozäns. Für alle, die es vergessen haben: Das Holozän ist der Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der so tut, als gäbe es auf ewig das, was gestern schon da war. Nichts groß ändern ist oberstes Prinzip. Andreas Scheuer hält also Kurs. Natürlich auch in dieser Woche, die viele als die Entscheidungswoche der deutschen Klimapolitik inszeniert wissen wollen. Seitdem nun zu Wochenbeginn auch noch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (ihm liegt der Sozi quasi im Blut) auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat und mit einem Fähnchen zu winken begann, auf dem für ein „beschwerliches Klein-Klein“ in der Klimapolitik geworben wurde, ist der Verkehrsminister zumindest nicht mehr allein. Nun kann er sich noch ein Stück weiter zurücklehnen und schon mal die Schlafpositionen austesten.

          Wo das hinführt, ist schwer kalkulierbar. An den Berliner Parteizentralen werden die beiden sicher mit Vollgas vorbeirasen, dem Tempolimit sei‘s getrommelt und gepfiffen. Nur raus aus Berlin. Auf der grünen Brandenburger Wiese, denkt sich der Verkehrsminister, kann man auch mit dem Stadtdiesel-SUV sicher einparken und dem hysterischen Klimageschnatter der Großstadt entfliehen. Klimastreiks, Klimakabinett, Koalitionsfrust – zu viel ist zu viel. Ja, so eine Fahrt ins Grüne kann auch mal den Kopf frei machen. Söder grüßt. Und so liegen sie also da, die beiden SUV-Ausflügler, den Blick endich frei auf das weite Blau des Himmels gerichtet. Bis zu jenem verhängnisvollen Moment allerdings nur, da eine dahergelaufene Aktivistin vom Land über das politische Gespann auf der Wiese stolpert. Seht ihr nicht die Wolken hoch oben da, ruft die offenbar gelehrte Frau, sie künden vom Ende.

          Was Scheuer und Weil in dem Moment nicht ahnen: Die junge Frau ist eine Fee, und sie zitiert aus einer in diesem Moment noch geheimen klimawissenschaftlichen Studie aus „Science Advances“, in der davon berichtet werden soll, wie sich der Klimawandel noch einmal drastisch beschleunigen könnte – wenn sich nämlich mit den Treibhausgasen auch die Wolkenbedeckung zum Schlechten ändert. Im Eozän vor fünfzig Millionen Jahren sei genau das geschehen. Unerträglich findet das Dieselduo diese Konfrontation mit dem Ewiggestrigen und rast Hals über Kopf in der schweren Dinokutsche zurück nach Berlin. Pech nur: Zurück in die Zukunft ging‘s in die andere Richtung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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