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Interview mit Klimaforscher : „Diese Papst-Schrift ist eine Regierungserklärung“

Hans Joachim Schellnhuber Bild: Daniel Pilar

Der Potsdamer Klimaforscher Schellnhuber war eine treibende Kraft hinter der Umweltenzyklika des Papstes. Die F.A.Z. hat vor seiner Präsentation im Vatikan mit ihm gesprochen.

          2 Min.

          Die Umweltenzyklika markiert für den Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber eine radikale, umweltpolitische Wende im Vatikan. Wie kaum ein zweiter war Schellnhuber von Anfang an am Zustandekommen der Enzyklika beteiligt, alle vier entscheidenden Treffen hat er mitgestaltet, zuletzt als Wortführer der etablierten Klimaforschung. Wir haben vor seiner heutigen Präsentation im Vatikan mit ihm über die Hintergründe des Zustandekommens dieses ersten grünen Lehrschreibens gesprochen. „Das ist für den Papst eine Art Regierungserklärung“, sagt Schellnhuber.  Das ausführliche Interview können Sie in der Freitagausgabe der F.A.Z. nachlesen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Die Enzyklika wird enorme politische Wirkungen haben. Dieses Jahr wird die Weltbühne bereitet für die Lösung des Klimaproblems. Wir wissen noch nicht, ob es in Paris für ein ehrgeiziges Abkommen reichen wird oder ob es in die richtige Richtung geht am Ende, um das Problem zu lösen. Wir haben jetzt jedenfalls mächtig Rückenwind.“ Für ihn ist die Veröffentlichung der Papst-Schrift ein histrorisches Ereignis: „G-7-Gipfel gibt es jedes Jahr, eine Umweltenzyklika hat nun nach fast zweitausend Jahren römischer Kirche Premiere. Diese Schrift kann gar nicht unpolitisch sein.“

          Der Klimaforscher und ehemalige Klimaberater von Kanzlerin Merkel und EU-Präsident Barroso ist sich sicher, dass nach einer anfänglich wissenschaftskritischen Haltung im Vatikan nun ein neuer ökobewusster Geist eingezogen ist. „Der Papst erkennt darin auf alle Fälle den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel an, ebenso zur Biodiversität, zu den Böden, zum Wasser, und eben zur großen Herausforderung der Nachhaltigkeit.“

          Im April dieses Jahres hatte Schellnhuber das jüngste und, wie er meint, wichtigste Treffen mit den Pontifikalgelehrten. „Es war ein hartes Stück Arbeit, die Erkenntnisse der Wissenschaft so aufzubereiten, dass im Vatikan das Klimaproblem jetzt so sehr viel besser verstanden wird.“

          Wichtig sei, dass die Enzyklika jetzt, im Entscheidungsjahr der von den Vereinten Nationen angetriebenen Weltklima- und Nachhaltigkeitspolitik, erschienen sei. Das Entscheidende für ihn: „Er sagt, hier ist die Gefahr, das sagt uns die Wissenschaft, und hier ist das Unrecht, und dann geht er direkt zum Handeln und zur moralischen Verantwortung über.“ Einige Kräfte im Vatikan hätten dennoch versucht, die alte klimaskeptische Haltung zu bewahren und in die Enzyklika einzubauen. „Die Sorge von uns Wissenschaftlern war natürlich, dass der Text einer falschen Balance aufsitzt – dass er also nicht klar den Forschungsstand zum Klima wiedergibt, sondern laviert und nur erklärt, dass die einen so und die anderen so sagen. Und dass man dann am Ende einen windelweichen Kompromiss ausgibt, nach dem Motto: Nichts Genaues weiß man zwar nicht, aber das Vorsorgeprinzip erfordert nun mal, dass man handelt.“ Schellnhubers einzige Kritik: „Die  Folgen des Klimawandels sind in der Enzyklika etwas unterbelichtet. Stürme, Dürren und so weiter werden eher kursorisch behandelt, als sei das alles jedem längst bekannt.“

          Lesen Sie das komplette Interview mit Hans Joachim Schellnhuber, mehr über die Hintergründe der Umweltenzyklika und die Bedeutung, die der Klimaforscher in dem Lehrschreiben für das Zustandekommen einer möglichen Allianz aller Weltreligionen zum Klimaschutz sieht, ab 20.00 Uhr im E-Paper beziehungsweise am Freitag in der Printausgabe der F.A.Z.

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