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Wirtschaftsforscher Klepper im Interview : „Merkels Kohlendioxidpläne gehen so nicht auf“

  • Aktualisiert am

Gernot Klepper Bild: privat

An diesem Montag treffen sich 70 Staats- und Regierungschefs in New York, um Konzepte für den Klimaschutz zu debattieren. Gernot Klepper, Wissenschaftler am Kieler Institut für Weltwirtschaft, plädiert im F.A.Z.-Interview für einen weltweiten Emissionsrechtehandel.

          Auf Einladung von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon treffen sich an diesem Montag 70 Staats- und Regierungschefs in New York, um Konzepte für den Klimaschutz zu debattieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die an der Konferenz teilnimmt, hatte unlängst vorgeschlagen, den Kohlendioxidausstoß je Kopf der Bevölkerung weltweit festzulegen und zu begrenzen. Lob zollten ihr dafür Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt oder der Bund für Umwelt und Naturschutz; Merkel habe ein Konzept für mehr Umweltgerechtigkeit aufgegriffen. Eine ökonomische Bewertung dieses Vorschlags nimmt im F.A.Z.-Interview Gernot Klepper vor, wirtschaftspolitischer Koordinator des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat vorgeschlagen, den Kohlendioxidausstoß je Kopf der Bevölkerung festzulegen, und zwar weltweit. Was halten Sie davon?

          Wenn die Erdatmosphäre ein globales Gut ist, das jedem gehört, dann hat auch jeder auf der Welt das Recht, den gleichen Anteil davon zu nutzen. Die Industrieländer haben ihren Reichtum in den vergangenen 150 Jahren vor allem durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl erwirtschaftet. Damit sind sie für drei Viertel der von Menschen verursachten Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich.

          Die Entwicklungsländer verlangen nun ihren fairen Anteil daran?

          Frau Merkels Vorschlag spiegelt dieses Verlangen. So etwas kann man natürlich nicht von heute auf morgen erreichen, aber es ist vielleicht ein Ansatz, um über das Thema überhaupt zu einem sinnvollen Dialog zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu kommen.

          Wo liegt der Haken?

          Man muss zwei Dinge berücksichtigen. Zum einen hat sich ja auch der Weltwirtschaftsgipfel schon mit dem Ziel befasst, dass wir bis zum Jahr 2050 die Treibhausgasemissionen um 40 bis 50 Prozent weltweit reduzieren müssen. Wenn wir gleichzeitig das Ziel verfolgen, dass jeder Mensch auf dieser Erde das gleiche Recht auf Emissionen hat, bedeutet das natürlich, dass die Länder mit hohen Pro-Kopf-Emissionen überproportional viel reduzieren müssen.

          Das wird also für Amerika und Europa eine teure Angelegenheit?

          Wir haben das mal durchgerechnet. Heute liegt der Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid im Jahr in Amerika bei 20 Tonnen, in China bei drei Tonnen. Bei der Umsetzung von Merkels Vorschlag müsste Amerika seine Emissionen bis 2050 um 90 Prozent reduzieren. In Deutschland oder Europa läge das Einsparziel bei 80 Prozent. Das sind Größenordnungen, die wirtschaftlich kaum vorstellbar sind.

          Der Ansatz klingt also gut, ist aber nicht umsetzbar?

          Er klingt zunächst einmal unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten vernünftig. Wirtschaftlich halte ich das aber in der einfachen Umsetzung für nicht möglich. Man müsste weitere Mechanismen nutzen, um die Anpassungslasten für die Industrieländer abzumildern. Ein starres System, das nur auf eine Pro-Kopf-Ziffer abzielt, müsste ergänzt und flexibilisiert werden.

          Nämlich wie?

          Durch die weltweite Einführung des Emissionshandels. Unter dem Deckel des weltweit festgelegten Pro-Kopf-Verbrauchs könnten beispielsweise Entwicklungsländer den Industriestaaten Emissionsrechte verkaufen. Ohne einen solchen Ausgleich würde man Amerika und auch Europa zwingen, ihre Emissionen nahezu komplett einzustellen. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass wir zu einem Ziel kommen, wie Frau Merkel es formuliert und die Dritte Welt verlangt, ohne dass der Emissionshandel ausgeweitet wird.

          Was halten Sie stattdessen von einer weltweiten Kohlendioxidsteuer, wie es amerikanische Ökonomen verlangen?

          Der Vorschlag geht davon aus, dass es kein internationales System mit Emissionsbeschränkungen geben wird, weil viele Staaten wie Amerika das ablehnen. Deshalb könnte es leichter sein, wenn jedes Land eine Treibhausgassteuer in gleicher Höhe einführt. Die Steuereinnahmen blieben in den Staaten, was ein Anreiz für die Regierungen wäre. Das System hat Vorteile für die Industrieländer. Denn die emittieren viele Treibhausgase. Sie würden damit hohe Steuereinnahmen erzielen und einen hohen Nutzen aus der Vermeidung.

          Aber es wäre nachteilig für die Entwicklungsländer, weil die nicht so viel emittieren?

          Der Vergleich zeigt, dass das Steuersystem für die Industriestaaten vorteilhafter, das Handelssystem für die Entwicklungsländer besser wäre. Allerdings: Mit einer weltweiten Kohlendioxidsteuer kann man die Pro-Kopf-Emissionen nicht auf das gleiche Niveau bringen. Merkels Ziel könnte mit einer Treibhausgassteuer nicht erreicht werden.

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