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Öko pur im Staate Costa Rica? : „Wir, das Klimalabor der Welt“

Meeresbiologe Fernando Vives auf der Ökoshrimps-Farm „La Sapera“. Bild: Joachim Müller-Jung

Für den Klimagipfel von Paris putzen sich die Staaten ökologisch heraus. Plötzlich sind alle Umweltriesen. Ein „Laborbesuch“ mit der Probe aufs Exempel.

          Es gibt Worte und Sätze, die verfolgen einen bis an die entlegensten Orte dieser Welt. Und selbst wenn sie so hässlich sind wie „Klimaneutralität“ oder phrasenhaft wie „nichts wird mehr sein, wie es war“, wird man sie in diesen Tagen auch im tiefsten Urwald und fernsten Küstenstreifen nicht los. Vielleicht aber gerade dort nicht. Costa Rica, das grüne Musterland zwischen Pazifik und Karibik, das zu mehr als der Hälfte des Landes bewaldet und artenreich wie nur wenige andere Länder ist, hat solche Sprachungeheuer buchstäblich in den kulturellen Wortschatz der Nation aufgenommen. In seinem nationalen Bekenntnisschreiben für den bevorstehenden 21. Klimagipfel von Paris hat es sich außerdem zum Epizentrum des globalen Klimawandels erklärt, zum „Labor der Welt für die Dekarbonisierung der Weltökonomie“. Und wie sollte es anders sein, wenn es um Energierevolutionen geht: Deutschland mengt da umwelttechnisch kräftig mit. Indirekt zwar nur, aber unübersehbar. Nicht nur im Urwald, auch in den Mangroven, in Shrimps-Teichen, auf Schweinefarmen und in der größten Brauerei im Land.

          Ökoshrimps hinterm Mangrovenwald

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch der Reihe nach. Auf der Shrimps-Farm von Ronny Acon, im äußersten Westen der pazifischen Halbinsel Nicoya, ist die ökologische Experimentierlust besonders gut greifbar. Ein paar „Badewannen“, jede fünfzig mal zwanzig Meter, bruzzeln hier unter der Tropensonne. Früher waren das Salzgruben, davor Mangrovenwälder. Als die Salzpreiskrise in den achtziger Jahren über Costa Rica hereinbrach und der Ökotourismus noch längst nicht so massiv wie heute die grün-alternative Bewegung ins Land holte, mussten die kleinen Salzbauern von Nicoya umdenken. Da merkten sie, nicht zum letzten Mal: Nichts bleibt, wie es war. Sie begannen die Teiche mit Wasser zu fluten, weiße Shrimps einzusetzen und folgten damit einem Trend, der sich in Südamerika, Südostasien und bald vor allem in China zu einem Megaboom auswachsen sollte. Shrimps sind wertvoller als jedes andere „Seafood“ aus Aquakultur. Schätzungsweise 20 Milliarden Dollar werden damit weltweit verdient. Ecuador, nicht weit von Nicoya, zählt heute zweihunderttausend Shrimps-Farmen, China wohl schon Millionen.

          Fütterungszeit: Garino Godoy füttert nur zertifiziertes Biofutter.

          Costa Rica mit seinen rund 1500 Shrimps-Farmen ist da ein Zwerg, und die Teichfläche der Shrimps-Farmer von Nicoya, die nicht einmal hundert Hektar ausmacht, wäre geradezu vernachlässigenswert. Wenn da eben nicht diese grüne Innovationsleistung wäre, die mit deutscher Hilfe auf die Fläche und an die Küsten gebracht wird. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die zu drei Vierteln mit Geldern des Entwicklungshilfeministeriums und damit Steuermitteln gespeist wird, hat sich mit einem Dutzend deutscher und vier Dutzend costaricanischer Mitarbeiter vorgenommen, dem Musterknaben einen ökologischen Feinschliff zu verpassen. Auftragsvolumen: circa 45 Millionen Euro.

          Keine Chemie, kein Kunstfutter

          Die Shrimps-Farm von Ronny Acon ist in diesem Portfolio ein kleines Meisterstück der Ökokreislaufwirtschaft. Mit ihr will man zeigen, wenn auch im mikroskopischen Maßstab, wie Klima- und Naturschutz zu einer integrierten Klima- und Biodiversitätsstrategie zusammengefügt werden können. Ökoshrimps-Kultur gegen den Klimawandel. Mit Überzeugungsarbeit fing es vor ein paar Jahren an. Die deutsche Bioshrimps-Firma Ristic aus dem fränkischen Oberferrieden kam auf Shrimps-Farmer Acon zu und konnte ihn für ein in der Aquakulturindustrie eher exotisches Konzept gewinnen: keine Antibiotika, keine Chemie, kein Kunstfutter, europäische Ökostandards eben, das heißt auch: ausschließlich zertifizierter Bioweizen und Biosoja - was in den vor Gensoja dominierten Region schon logistisch ein Kunststück ist. Dazu dürfen nur „Ökolarven“ verwendet werden - Shrimplarven, die nicht durch Tierquälerei gewonnen wurden. Gewöhnlich schneiden Shrimps-Züchter den Muttertieren die Augenstiele ab, was die Geschlechtshormonbildung und damit das Ablaichen beschleunigt. Ohne Augen laichen Shrimpweibchen zwei Tage nach der Befruchtung ab, mit Augen etwa fünfzehn Tage danach. Bedeutet: Für die Herstellung von „Ökolarven“ werden deutlich mehr Muttertiere gehalten.

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