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Weltklimarat IPCC : Weltrettung von unten

  • -Aktualisiert am

. . . naturgemäß nicht leicht zu simulieren Bild: dpa

Der Weltklimarat IPCC steht zwischen Wissenschaft und Politik. Diese Zwischenstellung bringt Gefahren mit sich, in ihr liegen aber auch Chancen, die es in Zukunft zu ergreifen gilt.

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          Zweifel an der wissenschaftlichen Lauterkeit des Weltklimarates IPCC und der Vorwurf einer generellen Überpolitisierung der Klimaforschung haben das globale Klimabewusstsein irritiert, das schon durch die mageren Ergebnisse des Kopenhagener Klimagipfels und durch einen – nur in der nördlichen Welthälfte – strengen Winter beeinträchtigt war. Die von außen (durch gegenläufige Interessen) provozierte und von innen (durch Arbeits- und Kommunikationsfehler) verschärfte Krise des IPCC wird alsbald zur Reorganisation des Gremiums führen; die Diskussion, die rund hundert deutsche IPCC-Autoren kürzlich in Eisenach zur Zukunft des Gremiums geführt haben, war jedenfalls problembewusst und selbstkritisch.

          Kaum jemand stellte dabei den Charakter des Gremiums als „Zwischenregierungsorganisation“ in Frage, also den wissenschaftlich-politischen Zwitterstatus des IPCC, der wissenschaftsethisch kompliziert ist, aber die Chance bietet, mit wohl fundierten Erkenntnissen und Empfehlungen auf Regierungen und die öffentliche Meinung beratend Einfluss zu nehmen. Eine allein aus exzellenten Forschern zusammengesetzte „Weltsuperakademie“ würde das kaum schaffen, ebenso wenig Denkfabriken von Umweltorganisationen oder private Stiftungen. Der Preis dafür ist eine bisweilen unverhohlene Einflussnahme von Regierungen, die mal Belege für gefährlichen Klimawandel, mal auch Relativierung fordern oder mit Austritt drohen, wo Daten mit hoher Plausibilität geliefert werden, die nicht ins Konzept passen.

          Die „graue Literatur“

          Politisch wird die Klimaforschung zwangsläufig, wo Erkenntnisse in Empfehlungen münden. Die Zwei-Grad-Leitplanke, im politischen Jargon zum Zwei-Grad-Ziel mutiert, ist das prominente Beispiel dafür: Die negativen Folgen einer durch Kohlendioxydemissionen verursachten Versauerung der Meere schädigt beispielsweise Korallenriffe nachweislich schon ab einem Grad Erwärmung schwer; wer dann einen Temperaturanstieg als Leitplanke setzt, bleibt zwar Wissenschaftler. Er wird dabei aber zwangsläufig politisch und somit Partei eines Interessenkonflikts. Wer als Forscher die IPCC-Küche betritt, muss wissen, dass es dort gelegentlich heiß wird.

          Der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri
          Der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri : Bild: dpa

          Wichtig für das Vertrauen in die Arbeit des Klimabeirats ist es, dass der Review-Prozess für den nächsten fünften Sachstandsbericht noch genauer und transparenter wird. Sogenannte graue Literatur (wie zum Beispiel Datensammlungen der Internationalen Energieagentur oder Stellungnahmen von Umweltverbänden) wird man deutlich als solche ausweisen. Für Politik und Öffentlichkeit ist es wichtig, sich nicht nur auf „beste Lösungen“ zu kaprizieren, sondern realistischerweise auch zweit- und drittbeste Pfade zur Vermeidung von Treibhausgasen im Bericht auszuweisen. Genau damit kann der IPCC die politische Debatte über Alternativen der Energie- und Technologiepolitik forcieren.

          Naturwissenschaftler und Ökonomen, die im IPCC dominieren, verkennen oft die Differenz zwischen der „zwingenden“ Logik ihrer Modellrechnungen und dem politischen Verhandlungsprozesse, der einer eigenen, nicht minder zwingenden Logik folgt. Und sie adressieren sich gerne an Eliten, weil sie von der Weisheit der Massen wenig halten. Politikberatung muss heute aber immer auch die Bürger ansprechen.

          Statt Klimakulturkämpfen

          Wie auch immer sich der vielköpfige IPCC künftig orientiert, sein Kommunikationsdilemma wird bleiben. Auch völlig wasserdichte Erkenntnisse werden bekanntlich ignoriert, bestritten und geleugnet, wenn sie beachtliche oder gar dramatische Risiken aufzeigen und wohlige Konsense ins Wanken bringen. Dass kein einfacher Weg vom Wissen zum Handeln führt, ist letztlich trivial. Verantwortlich dafür ist nicht allein der Druck der Lobbies und Vetospieler, die in den Vereinigten Staaten ausgesprochen aggressiv vorgegangen sind und „Klima-Skepsis“ schüren. Hinter dem Indianerspiel zwischen seriösen Klimaforschern und schlichten Leugnern des Klimawandels steckt das zu wenig beachtete Phänomen einer „protektiven Ignoranz“: Stets werden nur solche wissenschaftlichen Daten und Schlüsse akzeptiert, die jeweils ins eigene Weltbild passen.

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