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Risiken und Wahrscheinlichkeiten : Die Tücken des Weltklimaberichts

  • -Aktualisiert am

Die Erderwärmung wird drastische Auswirkungen haben, wenn der Mensch sie nicht stärker bremst als bisher. Bild: dpa

Heute legt der IPCC den dritten Teil des Weltklimaberichtes zur globalen Erwärmung vor. Er steckt wieder voller „Risiken“ und „Wahrscheinlichkeiten“. Nicht jeder nimmt sie ernst.

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          Eine Frage ans Publikum: Haben Sie schon den neuesten Bericht des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ gelesen? Vermutlich nicht. In diesem Falle: Glauben Sie den Experten? Immerhin hat das Gremium im Auftrag der Vereinten Nationen alle erdenklichen Indizien zusammengetragen, die uns vor Augen führen sollen, was droht, wenn die Erdatmosphäre weiterhin als Müllkippe für klimawirksame Gase wie Kohlendioxid missbraucht wird? Oder haben Sie längst Ihre Zweifel an der ganzen Veranstaltung?

          Das IPCC hat sich die Sache nicht leichtgemacht. Es wimmelt in dem Bericht nur so von „Risiken“ und „Wahrscheinlichkeiten“. Die Experten haben sich alle Mühe gegeben darzulegen, welche Folgen wir wo und mit welcher Wahrscheinlichkeit anrichten, wenn wir dem Planeten weiter einheizen. „Sehr wahrscheinlich“, wie es im IPCC-Jargon heißt, ist inzwischen, dass die beobachtete Erderwärmung menschengemacht ist. Sehr wahrscheinlich, könnte man hinzufügen, ist aber auch, dass diese Botschaft in der Öffentlichkeit und unter den Politikern nur noch auf ein müdes Achselzucken trifft. Oder, wie im Falle der amerikanischen Konservativen, auf strikte Ablehnung. Wissenschaft wird so zur bloßen Glaubenssache.

          Der moderne Mensch - ein unsicherer Profet

          Wie kann es sein, dass ein und dieselben Fakten so unterschiedlich interpretiert werden? Kann der Mensch die Wahrheit nicht ertragen? Handelt er schlicht irrational? Zunächst einmal ist er beim Klimawandel mit dem wohl vertracktesten kollektiven Entscheidungsdilemma der Menschheit konfrontiert. Immerhin gilt es, eine mögliche globale Katastrophe zu erkennen, die in Zeitlupe abläuft. Ohne Wissenschaft wüsste die Menschheit nicht einmal, welches Problem sie hat. Wie soll sie da Regeln für den kollektiven Schutz der Atmosphäre entwickeln, die auch für Trittbrettfahrer verbindlich sein müssten, die sich nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ jederzeit Wettbewerbsvorteile verschaffen können?

          Der Ökonom Dennis Meadows, Autor des Weltbestsellers „Die Grenzen des Wachstums“, hat das Dilemma einmal so beschrieben: Die Menschheit der Moderne handele wie ein unsicherer Prophet, der hofft, notwendigen sozialen durch technischen Wandel ersetzen zu können. Sie übersieht dabei, dass es unterschiedliche Problemlagen gibt. Vergleichsweise einfach war es, Maßnahmen zum Schutz der Ozonhülle zu ergreifen, indem man die Fluorchlorkohlenwasserstoffe durch harmlosere Stoffe ersetzte.

          Ein Mehr an Wissen erzeugt ein Mehr an Skepsis

          Das Klimaproblem ist um Größenordnungen komplizierter. Hier profitieren so viele Akteure so lange von langfristig fatalen Handlungen, bis ein „Point of No Return“ erreicht werden könnte, an dem das System kollabiert oder Chaos ausbricht. Um klimatisch nachhaltig zu agieren, müssten heutige Generationen erhebliche Nachteile in Kauf nehmen, was zwangsläufig Widerstand auslöst, der sich unter anderem in der Weigerung äußert, unbestreitbare Fakten zur Kenntnis zu nehmen.

          In dieser Situation kann ein Mehr an Wissen paradoxerweise ein Mehr an Skepsis erzeugen. Kognitionsforscher kennen das: Menschen reagieren häufig so, wenn sie schlechte Nachrichten verarbeiten müssen. Dann ziehen sie Wertesysteme und Ideologien heran, um die persönliche Relevanz der Fakten herauszufiltern.

          Übertragen auf den vorliegenden Fall, heißt das: Weil sie die Folgen des Klimawandels noch nicht hautnah spüren und die verbliebenen Unsicherheiten in den Prognosen des IPCC nicht beurteilen können, betrachten sie das Problem durch ihre subjektive Brille. Wer alarmiert sein will, ist alarmiert, der Rest bezweifelt je nach Gusto Risiken, Daten, Modelle oder zumindest die Notwendigkeit von Maßnahmen zum Klimaschutz. Objektives Wissen spielt dann keine große Rolle mehr, weil es zu inneren Konflikten führen könnte, die einen Keil treiben würden zwischen das Subjekt und jene ideologische Gemeinschaft, die ihm am nächsten steht.

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