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Weltklimabericht : Ihr kennt die wahren Gründe nicht

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Welche Kultur verlässt freiwillig ihren Wohnraum und über Jahrhunderte aufgebaute, zum Teil prächtige Siedlungen, wenn es nicht dramatische Gründe dafür gibt? Natürlich spielen da viele Faktoren hinein, Kriege etwa. Aber der Blick auf die Stalagmiten verdeutlicht, dass der Klimawandel auch eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte. Er zeigt nämlich, dass die Siedlungs- und Blütephasen in Troja recht genau mit Feuchtphasen in Mitteleuropa zusammenfallen. Gegen einsetzende Trockenheit konnten auch die reichsten und mächtigsten Völker nicht ankämpfen. Ein unerklärlicher, massiver Rückgang des Niederschlags konnte für diese Völker, die vorwiegend Agrarwirtschaft betrieben, den Untergang bedeuten.

Seit dem Beginn der Landwirtschaft vor etwa 7000 Jahren folgten nach Blütephasen immer wieder lange Trockenperioden mit Armut und Auswanderung - und umgekehrt. Zunehmender Niederschlag, der die Grundwasserspeicher wieder füllte, führte die Menschen nach Troja zurück. Dramatisch für die Bewohner von Troja war, dass eine Weitergabe dieser Information über die jahrhundertelangen Zyklen des Klimas über mehrere Generationen nicht stattfinden konnte. Historische Berichte und archäologische Befunde belegen für die Zeit vor etwa 3300 Jahren dramatische Einbrüche am östlichen Mittelmeer mit dem Versinken mehrerer großer Kulturen. Warentransporte kamen zum Erliegen, die mykenischen Paläste versanken, die Hethiter gaben ihre Hauptstadt auf, Hafenstädte in der Levante gingen zugrunde. In Troja ging die bedeutendste Blütephase zu Ende, und aus Ägypten wird über Völkerwanderungen berichtet, ausgelöst durch Hunger und Missernten.

Natürlicher Klimawandel

Die Katastrophenmeldungen zum Klimawandel unserer Tage könnten ebenso vor 3300 Jahren für die von Homer beschriebene Siedlungsphase VI geschrieben worden sein. Dass die Blütephasen tatsächlich weit feuchter gewesen waren, zeigt auch die Landschaft um Troja heute. Während vor 6000 Jahren die Burg von Troja auf einer Anhöhe an der damaligen Küste entstand, verlagerte sich die Küstenlinie im Laufe der Zeit durch Verlandung der Bucht von Troja weg, und sie liegt heute etwa fünf Kilometer von Troja entfernt. Die Verlandung ist das Ergebnis von vier Phasen mit stark erhöhtem Sedimenttransport durch die Flüsse aus dem hügeligen Hinterland von Troja. Voraussetzung für diese Materialverfrachtung sind deutlich höhere Niederschläge. Diese Verlandungsperioden sind von Archäologen genau datiert worden. Sie fallen ziemlich exakt mit den an mitteleuropäischen Stalagmiten ermittelten Feuchtphasen zusammen. Auch früher also hat es abrupten Klimawandel gegeben. Die Paläoklima-Rekonstruktionen des IPCC verharmlosen diese natürliche Klimavariabilität während der letzten zehntausend Jahre.

Natürlich kann der vom Kohlendioxid verstärkte Treibhauseffekt mittlerweile die natürliche Erwärmung verstärken. Eine Reduktion der Treibhausgasemissionen ist daher mehr als notwendig. Und ebenso ist es zwingend erforderlich, mit den verfügbaren fossilen Energiequellen sparsamer umzugehen. Jedoch die alleinige Schuld am Wandel dem Kohlendioxid zuzuschieben ist nicht korrekt.

Die Erde wird nicht sterben

Unsere Archive zeigen klar, dass es vielfach wärmere, aber auch kühlere Perioden gegeben hat, die ähnlich schnell wie die jetzige Warmphase eintraten. Ihre Zyklizität spricht dafür, dass auch ohne eine Zunahme des Kohlendioxids die nahe Zukunft deutlich wärmer werden wird. Solange man aber die Ursachen der natürlichen Klimaschwankungen nicht kennt, können die aktuellen Klimamodelle eine große und schnelle Variabilität wie in der Vergangenheit nicht nachvollziehen. Oft wird uns vorgehalten, die Datenlage und die Temperatur-Rekonstruktion für Zeitabschnitte älter als einige Hunderte von Jahren seien noch zu unsicher. Darin liegt aber doch das eigentliche Problem. Es ist für mich überraschend, wie wenig Wissenschaftler und Politiker immer noch von diesen Lücken wissen.

Nein, unser Planet wird nicht sterben. Und der moderne Mensch ist an der Erwärmung vermutlich weniger schuld, als die IPCC-Berichte suggerieren. Aber klar werden wir uns auf einen Klimawandel einstellen müssen. Und die nötigen Umstellungen werden von der Menschheit einen weit größeren Aufwand erfordern als vielfach angenommen. Der natürliche, kurzfristige Klimawandel lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten. Wir müssen also lernen, damit umzugehen.

Es sollte für uns auch möglich sein, die Fehler der Trojaner zu vermeiden, die diese Zyklen nicht rechtzeitig erkennen konnten. Zugegeben: In einer Zeit, in der der Mensch zum Mond fliegen kann und die tiefsten Geheimnisse des Lebens enträtselt, wirkt diese schlichte Erkenntnis recht ernüchternd.

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