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Weltklima-Berichtswesen : Schockierend ist schon die Gegenwart

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Nach dem Tsunami auf den Salomon Inseln: Suche nach Trinkwasser Bild: dpa

Erst zwei von vier Teilen des Weltklimaberichts sind veröffentlicht, da ist den Wissenschaftlern die Diskussion schon entglitten. Der Weltklimarat vermeidet daher jede Dramatisierung. Dabei ist vieles jetzt schon schlimmer als es der Klimabericht prophezeit, bilanziert Joachim Müller-Jung.

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          Es war ein lapidarer Satz, der nur so am Rande gefallen war, halb aus Verlegenheit vor dem Ansturm der Weltpresse, vielleicht auch vor Erschöpfung nach einer nervenaufreibenden Nacht des Palavers und Gezänks, doch der Satz war entscheidend: Die öffentliche Debatte um den Klimawandel sei „der Wissenschaft enteilt, manchmal auch schon viel zu weit voraus“, sagte der Brite Martin Parry, einer der Berichterstatter des Weltklimarates IPCC, nachdem er die Zusammenfassung des zweiten Teilberichts über die Klimafolgen in Brüssel öffentlich präsentiert hatte.

          Die Diskussion ist den Wissenschaftlern also entglitten. Das muss zuerst einmal nichts Schlechtes bedeuten. Akademiker bevorzugen, wenn es ums Konkrete geht, selten eine klare Sprache. Und Sätze wie „die Bilanz aus positiven und negativen Folgen für die Gesundheit wird von einem Ort zum anderen variieren, und sie wird sich noch mit der Zeit ändern, wenn die Temperaturen steigen“, der aus dem von Parry vorgestellten Klimabericht stammt, belegen das. Sie wirken auf ihre Weise demoralisierend. Aber genau an solcher Art Sprachhygiene war dem Klimaforscher offenbar gelegen. An was er sich statt dessen sattgehört hatte und wie die öffentliche Debatte zuletzt gezeigt hat, viele mit ihm, waren Begriffe wie „Katastrophe“, „Klimakollaps“ oder „Desaster“. Die Furcht, der Dramatisierung und Übertreibung bezichtigt zu werden, stand Parry in Brüssel ins Gesicht geschrieben.

          Stimmen die Maßstäbe noch?

          Dabei ist das doch genau die entscheidende Frage: Stimmen die Maßstäbe noch? Und wohin steigert man sich, wenn das IPCC in wenigen Wochen den dritten und bald danach noch den vierten Teil seines Klimagutachtens veröffentlicht? Mit anderen Worten: Wie katastrophal oder wie schockierend, um eine der häufig verwendeten Umschreibungen zu verwenden, wird eigentlich der Klimawandel wirklich? Das ist die Frage, die Parry und die Seinen im zweiten Akt des Klimadramas zu beantworten suchten.

          Auch ohne Klimakollaps: 3000 Kinder sterben täglich, weil Trinkwasser fehlt

          Und heraus kamen Antworten wie jene zu den Gesundheitsfolgen oder wie die: „Kosten und Nutzen des Klimawandels für Industrie, Siedlungswirtschaft und Gesellschaft werden stark variieren. Zusammen genommen jedoch werden die Nettoeffekte eher zum Negativen hin tendieren, je ausgeprägter der Klimawandel wird.“ Oder wie die, das Trinkwasser betreffend: „Bis Mitte des Jahrhunderts wird die Verfügbarkeit von Wasser in höheren Breiten und den feuchten Tropen um zehn bis vierzig Prozent zunehmen und um zehn bis dreißig Prozent in trockenen, zum Teil schon ,wassergestressten' Gegenden der mittleren Breiten und der Tropen abnehmen.“ Und als völlig eskalationsresistent erweist sich die zentrale Aussage zur allseits gefürchteten Malaria: „Es wird erwartet, dass der Klimawandel gemischte Effekte hat, wie etwa die Abnahme oder Zunahme der Verbreitung und des Übertragungspotentials der Malaria in Afrika.“

          Die Wirklichkeit ist schon schlimmer

          Nein, so liest sich keine Beschreibung des ökologischen Armageddons. Bei Lichte betrachtet ist es sogar das genaue Gegenteil. Und der sogenannte politische Entscheider, für den diese Zusammenfassungen gedacht sind, wird sich die Augen reiben. Hatten wir das alles nicht schon längst durchgekaut?

          Tatsächlich ist die Wirklichkeit von heute schon schlimmer, als die heraufbeschworene Katastrophe von morgen hier erscheint. Knapp eine Milliarde Menschen ohne Trinkwasser, die hat man schon vor Jahren zutiefst bedauert, ganz ausführlich zuletzt in der „UN Wasser-Publikation“ vor nicht einmal einem dreiviertel Jahr. Dreitausend Kinder sterben jeden Tag, weil sie kein sauberes Trinkwasser bekommen - und zwar heute, nicht erst übermorgen. Zwanzig bis dreißig Prozent bedrohter Arten? Da müssen wir nicht erst auf die im Klimafolgenbericht angeführte Erwärmung um mehr als zweieinhalb Grad warten. Die hat die Weltnaturschutzunion längst in der Roten Liste festgehalten: 12 bis 52 Prozent der Arten sind demnach schon heute bedroht. Bedroht aber keineswegs bloß vom Klimawandel, sondern meistens durch ganz andere klimaunabhängige und sehr aktuelle Fehlentwicklungen: Raubbau an Wäldern, Versiegelung der Natur, Verunreinigung, Überfischung, Gleichgültigkeit. Siebzig Millionen Menschen, nur ein Beispiel, mit Bakterien der Art Chlamydia trachomatis infiziert, drei Millionen deswegen erblindet, und zwar nur deshalb, weil sie zum Waschen kein frisches Wasser haben, sondern sich an der verkeimten Wasserlache vor der Hütte bedienen müssen. Mit ein paar Kellen sauberen Wassers oder einem Brunnen könnte man Wunder bewirken und helfen - heute.

          Nichts wird geregelt sein

          Einigen der Katastrophen dieser Tage ist zumindest ein regelmäßiger Gedenktag gewidmet, lässt sich einwenden. Karsamstag beispielsweise war Weltgesundheitstag, drei Wochen davor Weltwassertag. Gemerkt? In anderthalb Wochen nun will sich nun offenbar sogar der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit dem Klimawandel beschäftigen. Die Ökologie würde damit erstmals sicherheitsrelevantes Thema, man hat offensichtlich die „Klimaflüchtlinge“ im Blick. Als müsste die äußerste Not mit dem Thema Klimawandel neu erfunden werden.

          Was geschieht eigentlich, wenn die Klimapolitik vielleicht doch noch eines Tages ins richtige Fahrwasser gerät, wenn endlich alle kräftig mitbasteln an der automobilen Hybridzukunft, an Kohlendioxidfallen und Energieeffizienzplänen? Ist es dann wirklich angebracht zu feiern? Nein, nichts wird geregelt sein.

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