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Klimawandel : Warum sollten maximal zwei Grad die Welt retten?

Zwei Grad sollen den Ausschlag geben? Bild: Eumetsat

Die große Zielmarke der Umweltpolitik ist keine Erfindung der Klimaforscher. Ihre Erfindung kam eher zufällig zustande und liegt drei Jahrzehnte zurück. Potsdamer Forscher erzählen erstmals die Geschichte.

          5 Min.

          Zwei Grad wärmer? "Wir gehen schon bei 1,5 Grad unter", das war die Reaktion der Allianz Kleiner Inselstaaten in ihrer Eröffnungsrede zum Klimagipfel Anfang dieser Woche in Kopenhagen. Es war die Reaktion auf eine Debatte, die öffentlich nie geführt wurde - oder schon im Ansatz unterdrückt wurde. Es geht um die Frage: Warum eigentlich ein Limit von genau zwei Grad maximaler Erwärmung? "Die Wissenschaft sagt...", so lautet eine in der Politik mittlerweile festgefügte Floskel zur Erklärung des Bezugspunktes. Die Europäische Union, die G8-Staaten, ja Regierungen von mehr als hundert Ländern, haben die Zielmarke von maximal zwei Grad globaler Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau politisch anerkannt. Sie ist common sense. Aber sie ist entstanden, längst bevor sich die globale Klimapolitik etabliert hatte und sie ist, wenn man so will, nicht einmal die Erfindung der Klimawissenschaftler. Beinahe noch bemerkenswerter: Der Weltklimabeirat IPCC, der 1990 seinen ersten mahnenden Report veröffentlichte, hat das Zwei-Grad-Ziel bis heute in keiner seiner wegweisenden Berichte erwähnt. Wieso nur?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die beiden Forscher, die die Genese des Zwei-Grad-Ziels jetzt recherchiert und in einem noch unveröffentlichten Buchkapitel niedergeschrieben haben, sind Carlo und Julia Jaeger. Hauptautor Carlo Jaeger ist Ökonom, Soziologe und Humanökologe und - noch wichtiger - der Leiter des Forschungsfeldes Transdisziplinäre Konzepte und Methoden am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Jenes Instituts also, das in Person seines Direktors und ehemaligen Beraters der Bundeskanzlerin, Hans Joachim Schellnhuber, das Zwei-Grad-Ziel zum Kristallisationspunkt der Klimapolitik gemacht hat.

          Eine politische Zielmarke

          Was Carlo Jaeger nun unter dem Titel "Drei Perspektiven auf zwei Grad" recherchiert hat, ist keine Abrechnung und bietet auch keinen Stoff für eine (neuerliche) Verschwörungstheorie gegen die etablierte Klimaforschung. Aber in seiner umfassenden, in philosophische Betrachtungen mündende Analyse macht er deutlich: "Das Zwei-Grad Limit ist fast zufällig aufgetaucht, und es entwickelte sich dann eigentümlich widersprüchlich weiter: Politiker haben es wie ein wissenschaftliches Ergebnis behandelt, Wissenschaftler als eine politische Angelegenheit." Jaegers Resümee: Wenn es um die Festlegung der politischen Zielmarke geht, spricht nicht "die" Wissenschaft, es sprechen "nur" Wissenschaftler.

          Angefangen hatte die Geschichte der Zwei-Grad-Grenze Mitte der siebziger Jahre. William D. Nordhaus, amerikanischer Wirtschaftsprofessor mit ökologischen Interessen an der Yale-Universität, veröffentlichte 1977 in einem Beitrag für die Cowles Foundation ein Diskussionspapier mit einer Grafik, auf der die Zwei-Grad-Grenze eingezeichnet war. Auf einer Zeitachse, die bis zum Jahr 2080 reicht und einer Temperaturachse mit den natürlichen Schwankungsbreiten trug Nordhaus eine horizontale Linie bei 2 Grad ein sowie eine gestrichelte, steil nach oben gerichtete Temperaturkurve, die diese Begrenzung im Jahr 2040 schneidet.

          Eine erste Abschätzung

          Ein Graph - mehr als dreißig Jahre alt - mit einem in jeder Hinsicht fast prophetischen Inhalt. Prophetisch vor allem deshalb, weil zu jener Zeit die globale Temperatur nicht nur weit weg von dem Zwei-Grad-Limit war, sondern weil sie auch deutlich auf Abkühlung programmiert schien. Jahrzehnte lang wurden leicht fallende Temperaturen gemessen. Warum Nordhaus dennoch auf die "kritische Grenze" von zwei Grad Erwärmung hinwies, hatte schon damals mit den Treibhausgasen zu tun. Er meinte, es sei "als erste Abschätzung" sinnvoll, die für die vorausgegangenen hunderttausend Jahre Menschheitsgeschichte ermittelte Höchsttemperatur nicht zu überschreiten. Zwei Grad, meinte er, sei der Wert, der bei einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehaltes durch weitere Industriealisierung zu erwarten sei. Datenquellen und Literaturhinweise blieb Nordhaus schuldig - Lücken, die ihn offenbar selbst "höchst unzufrieden" zurück ließen.

          Mehr als ein Jahrzehnt lang blieb Nordhaus' Idee unbeachtet. Erst 1990 , in einem internationalen Beratergremium ("AGGG"), wurden die zwei Grad aufgegriffen. Diesmal aber nicht als Leitplanke der klimatischen Schwankungbreite im Quartär , sondern als "obere Schwelle, jenseits derer das Risiko schwerwiegender Ökosystemschäden und nicht-linearer Reaktionen vermutlich schnell anwächst". Zwei Grad wurde zum Wegpunkt einer "Katastrophen-Perspektive", so Jaeger. Im Wissenschatlichen Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung wurden 1995 und ein Jahr später im Europarat beide Argumente aufgegriffen.

          Ältere Begründungen fallen weg

          Interessantes Detail der weiteren Zwei-Grad-Popularisierung: Bill Hare, australischer Wissenschaftler und bis zum vergangenen Jahr Direktor für Klimapolitik bei Greenpeace, kam vor Jahren als Gastwissenschaftler an das PIK und leistete offenbar energisch Überzeugungsarbeit, was die Übernahme des Zwei-Grad-Ziels angeht. Heute ist Hare Ehrendoktor am Potsdam-Institut und koordiniert Klimaprojekte für Greenpeace International.

          Wissenschaftliche Triebfedern für die Standardisierung des Zwei-Grad-Ziels sind spätestens seit den neunziger Jahren die Diskussion um die Kippelemente des Klimasystems. Besonders populär wurde die thermohaline Zirkulation (THC) im Atlantik, von der die Funktion des "Heizung Europas" - des Nordatlantik- und des Golfstroms - abhängt. Jaeger, der die Arbeiten dazu analysiert hat, kommt heute zu dem Schluß: "Die THC ist nicht die Art von Klimaschwelle, die ein Zwei-Grad-Limit rechtfertigen könnte". Die kritische Temperatur sei möglicherweise höher und die sozio-ökonomischen Folgen einer Ströung der Meereströmung geringer als anfangs befürchtet.

          Effekte der Treibhausgase

          Eingeschränkt zu rechtfertigen sei eine Zwei-Grad-Grenze andererseits zwar durch manche Kosten-Nutzen-Anaylsen - Jaeger nennt beispielhaft den Stern-Report von 2006. Aber schon die Situation bei der globalen Wasserversorgung zeige, dass das Erwärmungslimit eher bei 1,5 Grad liegen sollte. Und erst recht, so Jaeger, könne man die Orientierungsmarke erniedrigen, wenn man die Entwicklung des Meerespiegelanstiegs und die jüngeren Szenarien dazu betrachtet. Er beruft sich dabei auf den Klimapionier Jim Hansen, der bei einer Globalerwärmung um zwei Grad eine deutlich größere Abschmelzung der Pole und einen Meerespiegelanstieg von zwanzig bis dreißig Meter erwartet.

          Eine Einschätzung, die mithin durch eine aktuelle Veröffentlichung in "Nature Geoscience" gestützt wird: Daniel Lunt von der University of Bristol und sein Team haben kalkuliert, dass bei einer langfristigen Veränderung der Landoberfläche durch sukzessive Erwärmung und die entsprechenden Rückkoppelungsprozesse das Klima insgesamt um 30 bis 50 Prozent empfindlicher auf die Zunahme der Treibhausgase reagieren könnte. Ein noch unbestätigtes Schreckensszenario, sicher, aber eines, das die Unsicherheiten bei der Festlegung von Schwellenwerten aufzeigt. Hansen, wie einige seiner Kollegen, meint, dass die zwei Grad Erwärmung durch die träge Wirkung vieler Klimaelemente ohnehin schon im System steckt. Er ist sogar für eine künstliche Senkung des Kohlendioxidgehaltes in der Luft von heute 390 ppm (Anteile pro million) auf höchstens 350 ppm. Auch in den Szenarien des Weltklimabeitrates wird deutlich, dass selbst unter günstigsten Annahmen das Zwei-Grad-Limit realistisch kaum noch einzuhalten ist.

          Divergenzen im Netzwerk

          Im Kern geht es der Wissenschaft darum, das in der Klimarahmenkonvention festgelegte Vermeidungsziel einer "gefährlichen Störung des Klimasystems durch den Menschen" zu definieren. Das Zwei-Grad-Ziel eignet sich für Jaeger aber weder als Schwellenwert, der Katastrophe von einem Zustand vermeintlicher Sicherheit trennt, noch als Orientierungsmarke für Kosten-Nutzen-Überlegungen. Für ihn erfüllt die Marke eine soziopolitische Funktion: als idealer "Brennpunkt in einem Koordinationsspiel", bei dem es darum geht, Dutzende von internationalen Akteuren in einem Netzwerk unterschiedlicher Interessen zusammenzubinden und einen gemeinsamen politischen Nenner zu finden. Ein Kristallisationspunkt, der sich auf dem spannungsreichen Weg zu Nullemissionswirtschaften allerdings noch verändern könnte. Temperaturen sind für ihn ein bewegliches Ziel.

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