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Politikberatung, aber wie? : Warme Worte fürs Weltklima

Was tun gegen die Erderwärmung? Bild: dpa

Vor dem entscheidenden Klimagipfel in Paris steigt allmählich das Politikfieber bei den Forschern. Wie gelingt der Durchbruch? Und darf sich die Wissenschaft prostituieren? Die eingeübten Strategien wackeln.

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          Ist das noch routinierte Selbstkritik oder schon ein Zeichen von Resignation? Nimmt man, ein halbes Jahr vor dem entscheidenden Klimagipfel der Vereinten Nationen in Paris, den offenbar sehr dringenden Wunsch der wissenschaftlichen Experten nach innerer Einkehr zum Maßstab für die Aussichten eines klimapolitischen Durchbruchs - man kann um die von den Beratern erhoffte „große Transformation“ durchaus bangen. Wie sollen wir jetzt also reden über den Klimawandel: als technisches, moralisches, ökonomisches oder als großes politisches Problem?, fragte der Kulturwissenschaftler Nico Stehr von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen auf dem Ladenburg-Dialog am Neckar, wo er mit Unterstützung der „Daimler und Benz Stiftung“ zwei Dutzend international erfahrene Politikberater um sich scharte.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dem Soziologen Stehr ist wie jedem langjährigen Beobachter der Klimapolitik selbstverständlich klar, dass die gesellschaftlichen Dimensionen der globalen Erwärmung weit über das Politische hinausgehen. Wie aber, fragte er, vermittelt man „die Möglichkeit einer neuen Umwelt, die völlig außerhalb unserer üblichen Normen liegt“? Vielleicht wie der amerikanische Außenminister John Kerry vor einem Jahr, als er den Klimawandel als potentielle „Massenvernichtungswaffe“ bezeichnete? Nicht nur einmal, als es um eine mögliche „Depolitisierung“ und damit um das Ziel einer breiteren, einer gleichsam laienverträglicheren Debatte ging, wurde in Ladenburg um eine erfolgversprechende Kommunikationsstrategie gerungen. Stehrs Vorschlag lautete: „vom Nachdenken und Regulieren der Ursachen zu einem Nachdenken und Regeln der Klimafolgen kommen“.

          Hans von Storch beobachtet das Klima und die Nord- und Ostsee
          Hans von Storch beobachtet das Klima und die Nord- und Ostsee : Bild: Bode, Henning

          Leicht auszurechnen, was der Soziologe damit bewirken möchte: die stärkere Beteiligung der humanistischen Fächer, der Kultur- und Sozialwissenschaften. Sein Kollege Ortwin Renn von der Universität Stuttgart machte allerdings sehr plausibel, weshalb das schwierig werden dürfte. Denn große Teile der Politik und viele Menschen ahnen immer noch nur vage, was in Paris bei der Aushandlung eines neuen globalen Klimavertrags auf dem Spiel steht. „Uns fehlen noch immer die Narrative“, sagte Renn. Gleich, ob man den Kampf gegen den Klimawandel als ökonomische Chance, als ökologisches Endzeitszenario, als Gerechtigkeitskampf zwischen Nord und Süd oder am Ende als Schlusspunkt des kapitalistischen Systems erzählt, es sei „immer noch enorm schwierig, die Dinge so begreiflich zu machen, dass radikale Klimaschutzmaßnahmen genügend attraktiv sind.“ Renns Lösungsvorschlag einer „Weltstiftung“, die den globalen Kohlendioxidhahn zudreht, fällt vor Paris freilich in eine heikle Kategorie: politisch derzeit unerfüllbar.

          Andererseits sind Utopien offenbar das, was in der Ratgeberkultur der Klimapolitik momentan am besten geht. Oliver Geden, der Klimaexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Kultur hat in einem Essay in der Zeitschrift „Nature“ bemerkenswert ausführlich gegen die Utopisten in der Klimazunft ausgeteilt. Paris steht nach seinem Dafürhalten unter keinem guten Stern. Das Verhalten der Wissenschaft trage immer stärker dazu bei, dass zum Ziel erklärt wird, „was politisch möglich ist, und nicht, was aus Sicht des Umweltschutzes wünschenswert wäre“. Mit anderen Worten: Die Forschung lässt sich von Politikern und Ökonomen an der Nase herumführen. Und der Schlüsselbegriff dafür kommt aus der Forschung selbst: das Zwei-Grad-Ziel. Es enthält die inzwischen geradezu utopische Hoffnung, die globale Erwärmung auf zwei Grad bis zum Jahrhundertende zu begrenzen. Vor acht Jahren habe der Weltklimarat IPCC mitgeteilt, dass der Gipfel der Treibhausgasemissionen um das Jahr 2015 erreicht sein müsse, um dieses Ziel zu erreichen. Inzwischen ist der Rat in seinem fünften Sachstandsbericht mit neuen Modellen für die Emissionswende im Jahr 2030 angekommen - und die Klimaökonomen, so klagt Geden, rechneten sich dank höchst fragwürdiger „negativer Emissionen“ (Kohlendioxid etwa im Untergrund entsorgen) die Zukunft immer weiter schön. Einer zaudernden Politik wird so in die Hände gespielt. Gleichzeitig werde, so Geden, „die Integrität der Wissenschaft aufs Spiel gesetzt“.

          Der Klimaberater als ein „politischer Unternehmer“? Ein provozierendes, selbstzerstörerisches Szenario fürwahr. Eines, das allerdings nur einmal mehr das angespannte Verhältnis von Politik und Wissenschaft in der existentiellen Frage des Klimaschutzes spiegelt. Der Druck auf die Klimadiplomatie soll steigen. Für einen Weltklimavertrag, darin waren sich in Ladenburg alle einig, könnte der politische Wille reichen, für eine echte, nachhaltige Lösung des Problems möglicherweise nicht mehr. Die Ungeduld wächst.

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