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UN-Umweltgipfel : „So arrogant wie die Amerikaner“

Ernst-Ulrich von Weizsäcker in Rio Bild: jom

Ernst-Ulrich von Weizsäcker auf dem Nachhaltigkeitsgipfel in Rio: Der Vordenker einer Energie- und Konsumwende redet Klartext. Brasilien lasse Muskeln spielen.

          Kurz vor seinem 73. Geburtstag sitzt Ernst-Ulrich von Weizsäcker konzentriert wie ein zwanzigjähriger Reporter über seinem Netbook, tippt hastig ein paar Zeilen ein und lässt trotz des enormen Geräuschpegels im Zelt keine Sekunde in seiner Aufmerksamkeit nach. Es spricht Bundesumweltminister Peter Altmaier. Ein „Side-Event“ der kasachischen Regierung – lediglich ein Nebenschauplatz des Rio+20-Nachhaltigkeitsgipfels, aber für Ernst-Ulrich von Weizsäcker wichtig genug, genau hinzuhören, was der neue CDU-Minister zu „seinem“ Thema zu sagen hat. „Das war in Ordnung, eine Verbeugung vor der Umweltinitiative der Regierung Kasachstans.“ Der SPD-Mann, zwei Jahre lang Vorsitzender des Umweltausschusses im Bundestags, viele Jahre Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, vielfacher Umweltpreistäger, Buchautor und Verdienstordensträger, findet auch als „Freiberufler“ keine Ruhe und will ganz offensichtlich den Moment nicht verpassen, wenn die Welt vielleicht doch noch auf sein Konzept der Ökologisierung der Wirtschaft auf den Weg bringt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In Rio spürt er einen Hauch davon. Die Idee einer „Green Economy“ im Abschlussdokument ist so ein Begriff, der in Weizsäckers Weltbild passt. Aber er ist nur als leere Hülle in dem Papier vorgesehen, das unter dem vielversprechenden Titel läuft „Die Zukunft, die wir wollen“. Das Ergebnis, sagt Weizsäcker, „das auf dieser Konferenz erzielt wurde, ist gleich null.“ Der Kompromisstext, den die brasilianische Regierung Anfang der Woche durchgedrückt hat, „ist eine einzige Verbeugung vor den ökonomischen Interessen. Das Thema Umwelt kommt gar nicht vor.“ Weizsäcker hat nichts von seinen naturwissenschaftlich geschulten Analysefähigkeiten verloren. Was seine Stimme immer noch gilt im zuweilen schon kleinlaut gewordenen Chor der Ökopropheten, zeigt seine Eintrittskarte für Rio: Eine Dame im Umweltministerium hat ihm, weil er für die Akkreditierung zu spät dran war, einen Diplomatenzugang verschafft. So viel Kompromissbereitschaft allerdings wie der brasilianische Gastgeber auf dieser Konferenz von allen abverlangt, hat Weizsäcker eher selten in seinen großen Jahren als Vorkämpfer einer Effizienzrevolution und Dekarbonisierung der Wirtschaft aufgebracht. Und so hält er es in Gesprächen über sein Lieblingsthema auch heute noch.

          Ohne sich selbst in die diplomatischen Verhandlungen einzumischen redet er Klartext: „Brasilien ist heute schon so arrogant wie die Vereinigten Staaten, die lachen nur noch über Europa. Genauso wie Indien.“ Verglichen dazu klingt das, was er in umweltpolitischer Hinsicht über China zu sagen hat, wie ein ökologisches Reinwaschen: „Elf von sechzehn konkreten Verpflichtungen, die China in seinem jüngsten Zwölfjahresplan vorgelegt hat, sind solche zugunsten des Umwelt- und Klimaschutzes.“ Die Chinesen, meint der weitgereiste Umweltfachmann, wissen, dass es so mit der Umweltzerstörung nicht weiter gehen kann – „schon aus Eigeninteresse“. Dafür gibt China mittlerweile auch mehr Entwicklungshilfe: Weil man insbesondere den Zugang zu den afrikanischen Rohstoffen sichern will.

          Europa dagegen ist für von Weizsäcker an einem Tiefpunkt: „Wenn wir wieder etwas gelten wollen, müssen wir das Euro-Problem lösen und in der Umweltpolitik eine Allianz mit den Asiaten bilden.“ Seine Lieblingsformel: „Warten wir nicht länger auf die Amerikaner“, die hätten es seit Ronald Reagan einfach nur auf diplomatische Erpressung abgesehen.
          Ob ihn Europas Inittiative für die „Green Economy“ nicht doch beeindruckt habe? Schon, gibt er zu verstehen, „aber es hat sich für mich seit Wochen abgezeichnet, dass diese Konferenz leider nichts bringen wird“. Das ihm durchaus sympathische Konzept von „Sustainable Development Goals“ – kurz SDGs – als möglichst quantifizierbare ökologische, soziale und ökonomische Leitplanken, wurde im Rio-Abschlusspapier vorerst aufs Abstellgleis gesetzt. „Die Millenium Development Goals einfach umzuetikettieren als SDGs war für die Entwicklungsländer von Anfang an nicht attraktiv.“ Deshalb fehlte der nötige Druck auf konkrete Nachhaltigkeitsziele. Und noch etwas wenig Schmeichelhaftes wird es seiner Meinung nach gewesen sein: „Die Entwicklungsländer wissen inzwischen, dass die Staaten des Nordens kein Geld haben.“ Und wenn jetzt, wie auch im Rio-Dokument gefordert, private Geldgeber mit bei Entwicklungshilfe- und Umweltprojekten einsteigen, gibt es großes Unverständnis bei der Dritten Welt. „So sind aber die Realitäten heute, alles wird auf die Wirtschaft zugeschnitten.“

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