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Umweltindustrie : Die grünen Champions aus Deutschland

  • -Aktualisiert am

Werden immer mehr Bild: AP

Jede dritte Solarzelle und jedes zweite Windrad kommt aus Deutschland. Das Klima wärmt die Umweltindustrie, die sich zur Leitbranche entwickelt. Ein Jobmotor sind die Geschäfte mit Sonne, Wind und Wasser schon heute.

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          Die deutsche Wirtschaft erlebt ihr grünes Wunder: Geschäfte mit Sonne, Wind und Wasser entwickeln sich zum Exportschlager, die Öko-Szene zur Boombranche des 21. Jahrhunderts. „Deutschland nimmt in dem Bereich eine weltweite Führungsrolle ein“, sagt Roland-Berger-Chef Burkhard Schwenker. Eine Billion Euro Umsatz prognostiziert er der grünen Branche im Jahr 2030. Munter zählt er die Bereiche auf, in denen deutsche Firmen international die Maßstäbe setzen: größte installierte Windkraftkapazität, höchste Verwertungsquote bei Verpackungen, modernste Kraftwerktechnologie, höchster Anteil bei der Regenwassernutzung, Weltmeister bei vielen effizienten Verbrauchsgeräten.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Keine Frage: Grün ist in. Und Schwarz-Rot-Gold rennt dabei an der Spitze. So bedrohlich die Berichte über den Klimawandel sind, für den Standort Deutschland erwächst daraus eine ökonomische Chance. Dabei trifft es sich, dass wir für Ingenieurskunst ebenso stehen wie für Naturschwärmerei, wir bei der Anmeldung von Patenten ebenso Vorreiter sind wie bei Mülltrennung und Dosenpfand. Aus einer verlachten, mit Milliarden an Steuergeldern aufgepäppelten Öko-Branche entsteht so ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), stets das große Ganze im Blick, ruft bereits die „dritte industrielle Revolution“ aus.

          „Die Öko-Branche ist schon heute ein Jobmotor“

          Tatsächlich wird heute schon jede dritte Solarzelle weltweit in Deutschland produziert sowie fast jedes zweite Windrad. „Selbst wenn GE draufsteht, ist größtenteils made in Germany drin“, tönt der Verband Erneuerbare Energie, der für das abgelaufene Jahr Exporte in Höhe von sechs Milliarden Euro meldet - ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Die Öko-Branche entwickelt sich zur Leitbranche in Deutschland. Ein Jobmotor ist sie schon heute“, sagt Roland-Berger-Berater Torsten Henzelmann. Im Auftrag der Bundesregierung hat das Berater-Team einen Öko-Atlas Deutschland geschrieben, der zum EU-Umweltgipfel im Juni offiziell veröffentlicht werden wird. Knapp 1500 Firmen, allesamt in der Umwelttechnologie tätig, haben die Berater dazu befragt, Unmengen an Studien ausgewertet.

          Das erfreuliche Ergebnis: „Green Tech made in Germany“ schafft Jobs und Wohlstand in Deutschland. „2020 wird die Branche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie“, sagt Henzelmann. Seine kühne Prognose: In wenigen Jahren nehmen die Ökos mehr Geld ein als die beiden traditionellen Vorzeigebranchen zusammen. Eine Million Arbeitnehmer beschäftigt der Bereich Umwelttechnik laut Berger-Studie. „Die Zahl wird parallel zu den explodierenden Umsätzen steigen“, sagt Berater Henzelmann. „Die Unternehmen klagen schon heute, dass sie nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter finden - das ist der Engpassfaktor für ihr Wachstum.“

          „Diese Fehler kann die Umweltbranche vermeiden

          Mit den Öko-Pionieren habe Deutschland die Chance, endlich wieder globale Champions hervorzubringen, glaubt auch August Joas von der Beraterfirma Mercer. „In Zukunftsmärkten waren wir immer früh dabei, sehr oft scheiterten wir dann an der Vermarktung. Diese Fehler kann die Umweltbranche vermeiden.“ In der Phase der New Economy blühten auch hierzulande der Erfinder- und Gründergeist, die Vorherrschaft in dem daraus erwachsenen Geschäft sicherten sich jedoch andere, Firmen wie Google, Yahoo und Ebay. Die Deutschen hatten das Nachsehen. Wie schon so oft.

          Konrad Zuse mit dem ersten programmierbaren Computer aus dem Jahr 1941 sowie der MP3-Player, der 1987 in einem Fraunhofer-Institut entwickelt wurde, sind berühmte Beispiele für deutsche Ideen, deren ökonomische Durchschlagskraft andernorts erkannt wurde. Selten münzten deutsche Pioniere ihre Erfindungen konsequent in ökonomischen Erfolg um wie Gottlieb Daimler und Karl Benz; aus deren 1886 konstruierter Motorkutsche erwuchs ein Weltkonzern, damit begründeten sie die deutsche Vorherrschaft im Automobilbau bis zum heutigen Tag.

          Die Voraussetzungen für den Aufstieg sind günstig

          Die Handvoll ehemaliger IBM-Entwickler, die eine Softwarefirma namens SAP ins Leben riefen, sind das letzte Beispiel einer deutschen Neugründung, die es weltweit auf das Siegertreppchen schaffte - und das ist schon mehr als 30 Jahre her. Die spannende Frage lautet nun: Hat jemand aus der Öko-Szene das Zeug zur nächsten SAP? Welches Potential steckt in Solarworld oder Q-cells? In Enercon oder Repower? Choren oder SFC? Verbergen sich hinter diesen Neulingen künftige Weltmarktführer?

          Die Voraussetzungen für den Aufstieg sind günstig. Deutsche Ingenieurskunst steht hoch im Kurs. Der Zeitgeist sorgt für politischen Rückenwind - viele Staaten folgen dem deutschen Vorbild und fördern regenerative Energien mit Steuergeldern. An Kapital mangelt es nicht. Potente Investoren drängen in die Branche: Banken und Versicherungen legen grüne Fonds auf, traditionelle Energie- oder Öl-Konzerne wie Shell schichten ihre Investitionen um, Private-Equity-Gesellschaften schicken ihre Späher aus, Industriellenfamilien diversifizieren ihr Vermögen in Richtung Öko. Der C&A-Clan etwa hält Beteiligungen im Wert von mehr als drei Milliarden Euro in Ökofirmen.

          „Windenergie preiswerter als Kohle- und Gasstrom“

          Angesichts dieser Euphorie warnte die „New York Times“ jüngst schon vor der nächsten Blase - „dieses Mal in Grün“. Eine unbegründete Angst, wie die Öko-Pioniere entgegnen: Im Gegensatz zu manchem Internethasardeur verkaufen sie keine windigen Geschäftsmodelle, sondern reale Windräder und verdienen damit echtes Geld. Bald auch ohne Stütze vom Staat, wie Repower-Chef Fritz Vahrenholt betont: „In spätestens fünf Jahren sind wir mit der Windenergie preiswerter als Kohle- und Gasstrom.“

          An der steigenden Nachfrage nach Umwelttechnik besteht kein Zweifel. Beispiel China: Der Energiebedarf des Landes wächst jährlich um 20 Prozent. Gleichzeitig liegen 16 der 20 Großstädte mit der schlechtesten Luftqualität weltweit in China. Die Regierung ist zum Handeln gezwungen. Mindestens 10.000 Klärwerke muss sie bauen, der Bedarf an Abfallentsorgung ist riesig, in die Trinkwasserversorgung müssen die nächsten Jahre Dutzende Milliarden Euro investiert werden; 75 Prozent des Wassers in Flüssen sind heute nicht trinkbar. Deutsche Firmen haben diesen Bedarf erkannt, darauf gründet ihre Hoffnung auf rapide wachsende Umsätze in Asien.

          „Zutaten: Verfahrenstechnik, Chemie, Anlagenbau“

          Die Technologie, die sie dafür brauchen, muss nicht - oder zumindest nicht zur Gänze - in Garagen erfunden werden. So frisch die Öko-Mode erscheine, sie basiere auf klassischen deutschen Domänen, sagt Mercer-Berater Joas. „Wir haben gute Zutaten: Verfahrenstechnik, Chemie, Anlagenbau.“ Und so kommt es, dass sich ins Feld der grünen Pioniere gestandene Namen aus der Industrie mischen. Siemens, mit 160 Jahren Geschichte alles andere als ein Start-up, steckt die Hälfte des Forschungsetats von 5,7 Milliarden Euro in Projekte, die mit dem Klimaschutz zusammenhängen. Ein Drittel der weltweit aus Wasserkraft gewonnenen Energie wird mit deutschen Turbinen und Generatoren erzeugt, geliefert von dem Global Player Voith - der Familienkonzern ist 140 Jahre alt.

          Wer es zur Weltmeisterschaft bringen will, sollte sich an solch gestandenen Global Playern ein Beispiel nehmen, mahnt Roland-Berger-Chef Schwenker. Noch sei die Öko-Branche in Deutschland stark fragmentiert, konzentrierten sich die jungen Spieler zu stark auf den nationalen Markt. Darin sieht der Berater das größte Risiko, von anderen Anbietern überholt zu werden.

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