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Studienflut vor Durban : Auf dem Polterabend der Klimadiplomaten

Klimaschutz - viel wärmer soll es nicht werden, wünscht sich die Bundesregierung Bild: ddp

In Kürze beginnt der Klimagipfel in Südafrika. Durchbrüche werden nicht erwartet, obwohl die Forscher alles tun, die Dringlichkeit im Klimaschutz zu forcieren.

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          In den Tagen vor einem Klimagipfel ist der politische Laufsteg für die Wissenschaften geöffnet. Ein beliebtes Ritual. Vor Durban, dem südafrikanischen Austragungsort der inzwischen siebzehnten Vertragsstaatenkonferenz, ist das nicht anders. Wahrscheinlich ist er sogar mächtiger denn je, der Wille der Klimaforscher, den verantwortlichen Diplomaten und Staatenlenkern mit einem Aufgebot an neuen politikrelevanten Studien zu imponieren - sie in ihrem von Finanzkrise und Rezessionsängsten getrübten Treiben zumindest formal auf eine klare ökologisch verträgliche Linie zu verpflichten. Interessanterweise gibt es trotzdem Stimmen, die immer noch die Klimaforschung davor warnen, sich vor den Karren der Politik zu spannen. Dabei ist es längst genau umgekehrt: Die Klimatologie nimmt für sich völlig zu Recht in Anspruch, einer der wichtigsten Treiber der Umweltdiplomatie zu sein.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es ist ein Automatismus geworden: Händeringend verlangen Umweltaktivisten und -politiker vor Klimaverhandlungen nach neuen Forschungsergebnissen, die das ökologische Wüten der Menschheit dokumentieren. Und die Wissenschaft liefert sie, im Schulterschluss übrigens mit den Wissenschaftsjournalen, die ihre Veröffentlichungspolitik schon längst nicht mehr verschämt an der politischen Agenda ausrichten. Das publizistische Schwergewicht "Nature" hat geschickt zwei Journale auf dem Markt plaziert, "Nature Geoscience" und "Nature Climate Change", die bei großen Anlässen wie dem bevorstehenden Klimagipfel mit populären und politisch brisanten Artikeln gespickt sind.

          Bild: reuters

          Unep, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, wird in den kommenden Tagen bis Durban allein drei Studien präsentieren. Eine beleuchtet den "kritischen Einfluss von halogenierten Kohlenwasserstoffen" - Ersatzstoffe für die längst verbotenen ozonschädlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe. (FCKW) - auf den Klimawandel. In der zweiten Studie wurden 55 Klimaforscher aus 15 Ländern nach einer Einschätzung gefragt, wie die "Lücke" geschlossen werden könne, die sich weiterhin zwischen den mäßigen Selbstverpflichtungen der Staatengemeinschaft zur Minderung der Treibhausgasemissionen und den Zielmarken für eine moderate Klimaerwärmung auftut. Und drittens schließlich werden Wissenschaftler im Auftrag der Unep Lösungen vorschlagen, wie Rußpartikel und andere Treibhausgase als Kohlendioxid im Sinne des Klimaschutzes künftig zu regeln sind.

          Politisch pünktlich auch die Veröffentlichung des Treibhausgas-Bulletins der Weltmeteorologieorganisation: Die Konzentration von Kohlendioxid, Methan und Lachgas sei seit Beginn der Messungen noch nie so hoch gewesen wie 2010. Allein in den zwei Jahrzehnten seit 1990 wurde der natürliche Treibhauseffekt um 29 Prozent verstärkt - harte Zahlen, klare Fakten. Eigentlich kann man, was dann trotzdem geschieht, den Behörden und ihren wissenschaftlichen Büros kaum vorwerfen, die Klimamisere ungenügend zu beleuchten. Vielleicht ist sogar das Gegenteil zutreffender - mit unbeabsichtigten psychologischen Kollateralschäden: Dass sich nämlich die politische Öffentlichkeit wegen Überreizung abwendet.

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