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Spitzbergen : Das Klassenzimmer für den globalen Klimawandel

Forschungszentrum auf 79 Grad Nord: Ny Alesund mit seinen sechzig Gebäuden, die Hälfte davon ehemalige Baracken für Minenarbeiter Bild: Joachim Müller-Jung

Wie das Eis am Nordpol schwindet, so kommen Forscher und Schaulustige in Scharen: Auf Spitzbergen, in der nördlichsten zivilen Siedlung der Welt, fördert Norwegen die Entwicklung nach Kräften. Doch es drohen auch Kollateralschäden.

          , Ny Ålesuns. Auf halbem Weg zwischen Hafen und der ersten Baracke hängt jetzt eine Überwachungskamera. Die ist gut geschützt und, wer weiß, vielleicht sogar beheizt, wenn in der Übergangszeit zum arktischen Sommer die Temperaturen immer noch tief in den Keller rutschen können. In diesem Frühjahr war das eher üblich. Erst seit drei, vier Wochen, berichten die Forscher, ist der Kongsfjord eisfrei. Zum ersten Mal wieder seit ein paar Jahren steht der Schnee zur Sommersonnenwende noch brusthoch zwischen den sechzig Hütten der Siedlung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für die Bewohner von Ny Ålesund heisst das aber nicht viel, jedenfalls heisst es nicht, dass es nun schon wieder vorbei ist mit Klimawandel und Polareisminima. Vielmehr gilt: Am Klimawandel hängt hier fast alles, und vom Klimawandel hängt vieles ab. Hier, in der nördlichsten zivilen Siedlung der Welt, zugleich Nabel der Nordpolarforschung seit den Zeiten der großen Nordpolexpeditionen von Roald Amundsen und Umberto Nobile in den zwanziger Jahren, ist eines der exklusivsten Klassenzimmer der Klimaforschung entstanden. Und die Klasse wird größer und größer .

          Eine ehemalige russische Minensiedlung

          Wenn man so will, ist sogar die neue Überwachungskamera der norwegischen Verwaltung vor der Anlegestelle Ausdruck dieser Expansion. Hier werden nicht die immer noch gefürchteten Eisbären überwacht und weniger die Forscher, die in den Tagen und "Weißen Nächten" des arktischen Sommers ihr wissenschaftliches Programm abspulen, sondern der Strom der Touristen. Mehr als 27 000 waren es allein im vergangenen Sommer, an die fünfeinhalb tausend allein in dieser Woche vor der Sonnenwende. Die allermeisten davon sind Kreuzfahrtpassagiere - 2008 waren es 180 mittelgroße und 25 Schiffe, darunter moderne Kähne mit bis zu 3500 Leuten an Bord. Sie alle wollen, in einigermaßen überschaubaren Grüppchen auftgeteilt, auf ihrem kurzen Landgang etwas über die Forschung, vor allem aber über die dramatischen Umweltveränderungen hier am Zipfel der europäischen Arktisforschung erfahren.

          Das „blaue Haus”, Zentrum der deutsch-französischen Forschungsstation

          Vor fünf Jahren waren es zehntausend Besucher weniger. Und wenn erst einmal die inzwischen geschlossenen russischen Minensiedlungen Pyramiden und Barentsburg hinzukommen, wo man nach einem Brand im vergangenen Jahr offenbar ernsthafte Pläne für die touristische Erschließung verfolgt, rechnet man mit einer weiteren Reisewelle. Der Gouverneur von Spitzbergen, "Sysselmann" Per Sevland, sieht das Ganze mit gemischten Gefühlen, wie alle hier im Hohen Norden: "Wir werden durch den Klimawandel viel an die Natur verlieren, die Eisbarrieren geht verloren, die Erosion bringt Landschaften und Gebäude in Gefahr, aber wir werden auch neue Schiffs- und Segelrouten bekommen, Möglichkeiten für Kajakliebhaber und andere Abenteuertouristen."

          Viele Projekte, wachsende Infrastruktur

          Tatsache ist allerdings auch, dass man nicht beliebig expandieren kann. Die Regierung Norwegens hat sechzig Prozent Spitzbergens unter mehr oder weniger rigiden Naturschutz gestellt. Ihr Auftrag und Mandat lautet nach dem vor mehr als achtzig Jahren von vierzig Staaten unterzeichneten Svalbard-Vertrag, die sensible Umwelt der Inselgruppe auf Dauer zu schützen. Das ist schon im Umfeld der wichtigsten Siedlung etwas weiter südlich, Longyearbyen mit seinen inzwischen knapp zweitausend Einwohnern aus mittlerweile vierundzwanzig Nationen, nicht mehr einfach. Für das Forscherdorf Ny Ålesund, das ebenso wie Longyearbyen vor hundert Jahren mit dem Kohlebergbau groß geworden war, wird es zum echten Prüfstein.

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